Montag, 7. September 2026

Der große Merz-Halbierungstag


KI generiert: Die Brandmauer kippt


Sachsen-Anhalt wagte den Sprung in die Zukunft – und landete im 21. Jahrhundert. Na ja, fünf Jahre lang. Am Tag nach der Landtagswahl lässt sich ein wundersamer Zahlenzauber beobachten: Die AfD stand bei 37 Prozent, Jähresbilanz der Union bei 37 Kilo Gewichtsverlust. Aber lassen Sie sich nicht täuschen – das ist kein Zufall, das ist  persönliche Lebensphilosophie: Halbierung als Spielart der Nähe.

Die Union wollte die AfD halbieren, sie wollte analog betreiben, was sonst nur Grüne mit Demokratie wagen. Mail ab an Merz: Ihre eigene Partei hat das Verfahren mittlerweile mit 49 Prozent vorweggenommen. Das heißt nicht, es mangelt an Demokratieverständnis – es mangelt nur noch an Demokraten, die dafür eintreten. Man müsste fast den Eindruck gewinnen, Merz hat mit seiner Halbierungstaktik eigenhändig eine SPD der 1930er aus seinem eigenen Verein herauskultiviert. Oder besser: eine Partei mit der Substanz einer Pappteller-Pizza bei Hochwasser.

In Sachsen-Anhalt fliehen die etablierten Talkshowgäste vor der eigenen Brandmauer wie Mäuse vor einem Quadratmeter Käse mit Schimmel. Die CDU droht, die Neuauflage der Zentrumspartei zu werden – nur ohne Zentrum und ohne politische Partei. Selbst der Fraktionszwang bewirkt inzwischen nicht mehr, dass die eigenen Leute wissen, wo rechts ist. Aber wozu auch? In einem Parlament, in dem die AfD die größte Kraft ist, hat der Begriff „rechts“ längst seinen moralischen Kompass an die Wandfahne verloren.

Merz selbst erklärte seine Niederlage mit den „besonderen Umständen in Ostdeutschland“. Gemeint: Menschen, die keine Lust mehr haben, sich 35 Jahre lang von der gleichen Partei erklären zu lassen, dass ihre Probleme gar nicht existieren. Ein innovativer Ansatz, der in der Geschichte der Politik bisher nur durch den Wiederaufbau des römischen Reiches übertroffen wurde – ebenfalls unter dem Motto: Wenn alle rebellieren, erkläre ich es für Provinz.

Die wahre Ironie aber liegt im Detail: Die Brandmauer war ursprünglich dafür gedacht, die Demokratie zu schützen. Heute schützt sie CDU-Ressentiments vor dem Wähler. Sie trennt etwa so erfolgreich wie eine Glastür im Sommer – alle sehen durch, niemand kommt ran, und wenn man zu sehr drückt, fällt sie einem auf den Fuß. Wer gegen die Wand rennt, stellt fest: Die Mauer lehnt sich seitwärts. Und zwar in die Richtung, aus der gerade niemand mehr kommt.

In den Ländern, wo die AfD regiert, werden jetzt Fachkräfte ausgebildet: im Brandmauerabbau. Arbeitsmarktpolitische Innovation im 21. Jahrhundert. Denn nichts schafft so viele Jobs wie ein Konzept, das niemand durchschaut, aber alle mittragen. So entsteht die Freiheit, die die CDU sich immer erträumt hatte: keine Opposition mehr, kein Widerspruch, nur noch der sanfte Klang eigener Reden in leeren Sälen. Ein Landtag wie ein Wellness-Retreat – komplett ohne Gäste.

Aus rein akademischer Sicht ist der Merz-Effekt erstaunlich: Noch nie zuvor ist eine Partei so schnell so erfolgreich daran gescheitert, die Konkurrenz zu verkleinern, während sie selbst schrumpfte. Das ist nicht mehr Politik, das ist Performance Art. Die Leinwand heißt Deutschland, die Farbe heißt Wahlrot, und die Signatur ist ein Fragezeichen.

Er, der Kanzler,  ist immer noch überzeugt, dass Die-hard-Wähler „nur verunsichert“ sind. Eine charmante Lesart, die man auch beim Bäcker anwendet, wenn das Brot nicht aufgeht: Der Ofen war zu kalt, der Teig zu warm, der Kunde zu hungrig. Sachsen-Anhalt beweist: Die Brandmauer hält stand – nämlich davor, bei Abstimmungen den Wählern ins Gesicht zu sehen.

Zukunftsmusik: Wenn die Union so weiter halbiert, können wir Ende 2027 mit einer vierprozentigen CDU rechnen, deren gesamter Parteivorstand in einem VW-Up reist. Brandenburg wird dann von einer guten Wurstbude und einem verbitterten FDP-Mann regiert. Und Friedrich Merz? Er hält eine Rede vor leeren Sitzen und schwört auf die Kraft der Inhalte, die irgendwo seit 2019 verlegt wurden – vermutlich neben der Verfassung, in der Schublade mit den guten Vorsätzen.

Die Demokratie ist robust, sagen sie. Sachsen-Anhalt zeigt: Sie ist robust wie ein Pappkamerad im Sturm. Solange man nicht zu genau hinschaut, steht sie. Drückt man mit dem Zeigefinger – wen auch immer das symbolisiert – neigt sich das Ganze. Und die, die dahinter standen, fliehen. In alle Richtungen. Außer der, von der sie gekommen sind.

Dienstag, 25. August 2026

Deutschland, Land der Dichter und Denker? Das war einmal - Heute sind wir offenbar das Land der Ficker und Beklebten.

Wer aufmerksam durch deutsche Städte läuft, entdeckt auf Ampeln, Laternen, Parkbänken, Mauern und Verkehrsschildern eine bemerkenswert eintönige Artenvielfalt: F*CK, gefolgt vom Namen einer Partei, Organisation, politischen Richtung oder sonstigen Gruppe, die gerade zum öffentlichen Fick freigegeben wurde. Mal klebt die Aufforderung allein, mal in Rudeln, manchmal sogar übereinander - als müsse erst demokratisch ausgeklebt werden, wer nun wen und in welcher Reihenfolge zu ficken hat.



An jeder Ecke soll irgendjemand gefickt werden. Links fickt rechts, rechts fickt links, die Mitte fühlt sich übergangen, und irgendein Laternenmast trägt inzwischen so viele konkurrierende Fickbefehle, dass er wahrscheinlich selbst nicht mehr weiß, welcher Gesinnung er angehört. Der politische Diskurs ist damit endlich auf zwei Bestandteile reduziert: ein englisches Verb und ein Feindbild.

Doch das System hat einen gravierenden Mangel: Was macht ein Mensch, der zwar gerade Lust zu ficken hat, dem aber ausgerechnet der vorgeschlagene Empfänger zuwider ist? Soll er entgegen seiner Überzeugung handeln? Soll er unverrichteter Dinge nach Hause gehen? Oder kilometerweit durch die Stadt laufen, bis endlich ein Schildchen mit einem persönlich kompatiblen Fickziel auftaucht?

Das kann in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht die Lösung sein.

Darum braucht Deutschland dringend eine bundesweit koordinierte Fickordnung. Jeder soll sich unbürokratisch aussuchen dürfen, wen er verbal ficken möchte - unabhängig von Herkunft, Weltanschauung, Parteibuch oder der Frage, wer zuerst auf der Laterne klebte. Niemand darf bevorzugt, niemand benachteiligt und schon gar niemand vom allgemeinen Fickbetrieb ausgeschlossen werden. Schließlich ist das Recht auf freie Entfaltung im Grundgesetz verankert - jenem Grundgesetz, das hier und da ebenfalls bereits gefickt wird.

Für alle, die sich angesichts des riesigen Angebots nicht entscheiden können, gibt es nun die konsequent inklusive Einheitslösung:

Dieser Aufkleber beendet die mühsame Suche nach dem passenden Gegner.

F*ck  d*ch  Ein*ach  al*e

Er verzichtet auf einseitige Bevorzugung, verhindert Benachteiligung und behandelt wirklich alle gleich schlecht. Keine Organisation wird vergessen, keine Partei privilegiert, keine Strömung ausgegrenzt.

Ein Aufkleber für alle. Gegen alle. Und damit vermutlich der ehrlichste Beitrag zur deutschen Gleichbehandlung, der je an einer Laterne klebte.


Satire darf alles - Aufkleber dürfen trotzdem nicht überall kleben - also bitte nur auf eigenen oder ausdrücklich freigegebenen Flächen verwenden.

Die Brandmauer

Montag, 24. August 2026

Das Schnitzel, das nur Bares wollte

 


Als Herr Möller an einem Dienstagabend das Restaurant "Zum digitalen Rückstand" betrat, ahnte er nicht, dass er an diesem Ort weniger zum Gast als zum Teilnehmer eines historischen Rollenspiels werden würde.

Das Lokal war zeitgemäß eingerichtet. Reserviert wurde über eine App. Die Speisekarte gab es ausschließlich per QR-Code. Die Bestellung tippte der Kellner in ein Tablet, das sie über WLAN direkt an die Küche übermittelte. Auf Instagram war das Restaurant täglich aktiv, und auf der Toilette bat ein elektronischer Seifenspender um eine Bewertung.

Nur beim Bezahlen begann plötzlich das Jahr 1987.

"Mit Karte, bitte", sagte Herr Möller.

Der Kellner erstarrte, als hätte der Gast darum gebeten, das Schnitzel mit Bitcoin, Briefmarken und einem lebenden Huhn zu begleichen.

"Kartenzahlung haben wir leider nicht mehr."

"Nicht mehr?"

"Zu teuer. Zu kompliziert. Zu unpersönlich."

Dabei strich er liebevoll über das Tablet, auf dem gerade eine Push-Nachricht des digitalen Reservierungssystems aufleuchtete.

Herr Möller zeigte auf das Fenster. Dort klebten sieben Aufkleber: Lieferdienst, Bewertungsportal, WLAN, Instagram, TikTok, Online-Reservierung und "Folge uns für aktuelle Angebote".

Nur der achte Aufkleber fehlte: Wir akzeptieren Zahlungsmittel dieses Jahrhunderts.

Die deutsche Bargeldoperette

In Deutschland wird das Bargeld nicht einfach benutzt. Es wird kulturell verehrt. Der Zehneuroschein ist hier kein Zahlungsmittel, sondern ein Stück Heimat. Er raschelt wie der Wald, riecht wie eine Steuererklärung und hinterlässt keinerlei digitale Spuren - außer natürlich in der Buchhaltung, sofern er dort zufällig vorbeikommt.

Die Behauptung, immer mehr Restaurants akzeptierten keine Karte mehr, lässt sich statistisch allerdings nicht als allgemeiner Trend belegen. Im Gegenteil: Die Bundesbank stellte für 2023 fest, dass die Akzeptanz bargeldloser Zahlungen in der Gastronomie gegenüber 2021 um rund 20 Prozentpunkte gestiegen war. Insgesamt waren unbare Zahlungsmittel bei 81 Prozent der untersuchten Vor-Ort-Transaktionen möglich. Das Problem ist also weniger ein flächendeckender Rückzug als eine besonders sichtbare und erstaunlich hartnäckige Minderheit von Betrieben, die Kartenzahlung weiterhin wie eine vorübergehende Mode aus Amerika behandelt. 

Deutschland bleibt dennoch auffällig bargeldaffin. 2023 wurden hier 50,5 Prozent aller erfassten Zahlungen bar beglichen. Debitkarten kamen auf 27,5 Prozent, Kreditkarten auf 5,7 Prozent und mobiles Bezahlen auf etwa 6 Prozent. Gemessen am Umsatz sah die Sache schon anders aus: Bargeld stellte nur 25,9 Prozent des Wertes dar. Der Deutsche zahlt also den Kaffee gern mit Münzen, den Kühlschrank aber lieber ohne Schubkarre.  (Das sagt die Deutsche Bundesbank)

Eine kleine Europareise

Herr Möller hatte nach dem Essen 47,80 Euro zu bezahlen. Da er nur zwölf Euro Bargeld besaß, schickte ihn der Kellner zu einem Geldautomaten.

Auf dem Weg dorthin dachte Herr Möller an die Niederlande. Dort wurden 2024 nur noch 22 Prozent der Zahlungen an physischen Verkaufsstellen bar erledigt. In Finnland waren es 27 Prozent. Im gesamten Euroraum lag der Bargeldanteil dagegen bei 52 Prozent; Karten erreichten 39 Prozent und mobile Geräte 6 Prozent - zumindest wenn man der europäischen Zentralbank seinen Glauben schenkt.

In Amsterdam hätte Herr Möller vermutlich sogar eine einzelne Tulpe kontaktlos bezahlt. In Helsinki möglicherweise eine Zimtschnecke, ohne vorher eine Filiale seiner Bank aufsuchen zu müssen. In Deutschland hingegen wanderte er nachts durch drei Straßen, um für ein digital bestelltes Schnitzel analoges Papier zu organisieren.

Das ist die große deutsche Synthese aus Tradition und Technologie:

  • Der Tisch wird online gebucht.
  • Das Menü wird mit dem Smartphone gelesen.
  • Die Bestellung wandert über die Cloud.
  • Die Rechnung wird mit einem Kugelschreiber geschrieben.
  • Bezahlt wird mit einem Material, das zuvor aus einer Wand gezogen werden muss.

Die deutsche Digitalisierung funktioniert eben hervorragend - bis Geld ins Spiel kommt.

Die Argumente des Hauses

Zurück im Restaurant erklärte der Wirt persönlich, warum Karten unerträglich seien.

"Die Gebühren", sagte er bedeutungsschwer.

Kartenzahlung kostet den Betrieb tatsächlich Geld: Terminal, Zahlungsabwicklung und je nach Anbieter und Kartenart unterschiedliche Entgelte. Das ist ein legitimer Kostenfaktor. Allerdings verursachen auch Bargeldannahme, Kassenführung, Wechselgeld, Zählfehler, Transporte, Bankwege und Diebstahlrisiken Kosten. Bargeld ist nicht kostenlos; seine Rechnung trägt nur keinen praktischen QR-Code.

"Und wenn das Internet ausfällt?", fragte der Wirt.

"Was passiert dann mit Ihrer digitalen Speisekarte?"

Der Wirt blickte Herrn Möller an, als hätte dieser die Geschäftsgrundlage der Bundesrepublik angegriffen.

"Außerdem", sagte er, "wünschen unsere Gäste Bargeld."

Das stimmte teilweise: Laut Bundesbank bevorzugten 2023 noch 24 Prozent Bargeld. Zugleich zahlten 44 Prozent lieber elektronisch. Trotzdem besitzt der Bargeldwunsch in manchen Restaurants ein Vetorecht, während der Kartenwunsch als charakterliche Schwäche des Gastes gilt. 

Und dann gibt es noch jenen Verdacht, den niemand laut äußern möchte, weil plötzlich alle sehr intensiv die Servietten falten: Bargeld ist diskret. Es verrät nichts über den Gast - und bei unsauberer Kassenführung gelegentlich auch nichts über den Umsatz. Das ist kein Beweis gegen bargeldlose Restaurants, sondern lediglich der Grund, weshalb der Satz "Nur Barzahlung" beim Publikum mitunter mehr Fantasie auslöst als die Dessertkarte.

Währenddessen auf dem Planeten Erde

Während Herr Möller seinen Geldschein übergab, rückte die Welt weiter in Richtung elektronischer Zahlungen.

Allein im Euroraum gab es im ersten Halbjahr 2025 44 Milliarden Kartenzahlungen - 9,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Davon waren 29,6 Milliarden kontaktlos; diese Zahl war binnen Jahresfrist um 12,8 Prozent gestiegen. 93 Prozent der erfassten Zahlungsterminals konnten kontaktlose Transaktionen verarbeiten.

Weltweit verläuft die Entwicklung zwar höchst unterschiedlich, aber die Richtung ist klar: Karten, mobile Wallets, Echtzeitüberweisungen und kontobasierte Zahlungen wachsen. In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern überspringen Menschen sogar klassische Bank- und Karteninfrastrukturen und bezahlen direkt mit dem Mobiltelefon. Die Zukunft muss also nicht überall nach Kreditkarte aussehen - aber sie sieht zunehmend digital aus.

Deutschland beobachtet diese Entwicklung aufmerksam, gründlich und aus sicherer Entfernung.

Die Rechnung

Der Kellner gab Herrn Möller zwei Euro Wechselgeld zurück.

"Das Trinkgeld fehlt noch", bemerkte er.

"Das hätte ich gern mit Karte gegeben."

Es entstand jene Stille, in der Kulturen aufeinanderprallen.

Herr Möller zog seine Jacke an und ging. Hinter ihm blinkte das Tablet. Eine automatische Nachricht erschien:

Vielen Dank für Ihren Besuch. Bitte bewerten Sie Ihr digitales Restauranterlebnis.

Herr Möller vergab fünf Sterne für das Essen, vier für den Service und einen für die Expedition zum Geldautomaten.

Als Verbesserungsvorschlag schrieb er:

Vielleicht akzeptieren Sie irgendwann Karte. Nicht überstürzt - Europa macht das schließlich erst seit einigen Jahrzehnten.

Am nächsten Morgen antwortete das Restaurant vollautomatisch:

Vielen Dank für Ihr wertvolles Feedback. Wir nehmen die Digitalisierung sehr ernst.

Und irgendwo in der Kasse raschelte zustimmend ein Zwanzigeuroschein.

Donnerstag, 13. August 2026

Benzinpreis: Die sieben Cent von Vater Rhein




Es begab sich im Land Nordrhein-Westfalen, wo der Autofahrer morgens nicht zuerst prüft, ob seine Kinder gesund sind, sondern ob Super E10 schon wieder einen neuen Börsenrekord aufgestellt hat.

An einem Donnerstag trat der Minister für amtlich klingende Erklärungen vor die Presse.

"Der Benzinpreis in Nordrhein-Westfalen liegt derzeit rund sieben Cent über dem in Bayern", verkündete er mit jener ernsten Miene, die Politiker gewöhnlich aufsetzen, wenn sie etwas erklären, das sie selbst nur aus einer vorbereiteten Sprechkarte kennen.

Ein Journalist hob die Hand.

"Warum?"

"Niedrigwasser im Rhein."

Damit war die Sache im Grunde geklärt. Jedenfalls für alle, die nicht weiter darüber nachdachten.

Der Rhein hatte zu wenig Wasser. Deshalb konnten die Tankschiffe weniger laden. Deshalb wurde der Transport teurer. Deshalb kostete das Benzin in Nordrhein-Westfalen mehr. Eine wirtschaftliche Naturgesetzlichkeit, ungefähr wie die Schwerkraft - nur dass die Schwerkraft bisher noch keinen Aufschlag von sieben Cent pro Liter verlangt.

Der Minister zeigte auf eine Landkarte.

"Der Rhein verläuft in Deutschland durch beziehungsweise entlang Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen."

"Und wo fahren die Frachtschiffe?", fragte der Journalist.

"Auf dem Rhein."

"Das war nicht meine Frage."

Der Minister räusperte sich. Tatsächlich transportieren Frachtschiffe auf den schiffbaren Rheinabschnitten in allen vier genannten Bundesländern Güter. Der Rhein ist eine der wichtigsten europäischen Wasserstraßen und trägt unter anderem Mineralölprodukte, Chemikalien, Container, Kohle, Erze und andere Waren durchs Land. Ab Rheinfelden ist er für die durchgehende Schifffahrt nutzbar; auf Ober-, Mittel- und Niederrhein gehört Güterverkehr zum Alltag. 

Der Journalist sah erneut auf die Karte.

"Der Rhein fließt also auch an Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen vorbei?"

"Das lässt sich geografisch leider nicht länger leugnen."

"Und dort verkehren ebenfalls Güterschiffe?"

"Bedauerlicherweise ja."

"Warum kostet das Benzin dann ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen rund sieben Cent mehr als in Bayern?"

"Bayern liegt nicht am Rhein."

"Das erklärt, warum Bayern nicht vom Rhein abhängig ist. Aber noch nicht, warum jede Preissteigerung in NRW klingt, als habe der Fluss persönlich die Zapfsäulen programmiert."

Im Saal wurde es still.

Draußen schob sich ein halb beladener Tanker langsam stromaufwärts. An Deck stand ein Mitarbeiter der Mineralölwirtschaft und betrachtete den Pegelstand. Bei jedem Zentimeter weniger Wasser drückte er auf einen großen roten Knopf mit der Aufschrift PREIS ANPASSEN.

"Sechs Zentimeter weniger!", rief der Kapitän.

"Sehr bedauerlich", sagte der Mitarbeiter und erhöhte den Preis um zwei Cent.

"Jetzt hat es geregnet!"

"Auch bedauerlich. Das Wasser muss schließlich erst ankommen. Noch ein Cent."

"Der Pegel steigt!"

"Dann müssen wir die Verluste aus der Niedrigwasserphase ausgleichen. Zwei Cent."

"Das Schiff kann wieder mehr laden!"

"Die Umstellung verursacht Kosten. Noch ein Cent."

"Und wann wird das Benzin wieder billiger?"

Der Mitarbeiter blickte verständnislos.

"Billiger?"

Unterdessen tagte in Düsseldorf der Krisenstab für hydrologisch begründete Tankstellenpreise.

An der Wand hing ein Schaubild:

LageBegründung für hohe Preise
Rhein führt zu wenig Wasser    Schiffe können weniger laden
Rhein führt normales Wasser    Nachwirkungen des Niedrigwassers
Rhein führt viel Wasser    Hochwasser erschwert die Logistik
Rhein ist gefroren    Winter
Rhein ist nicht gefroren    Ungewöhnlich milder Winter
Rohöl wird teurer    Weltmarkt
Rohöl wird billiger    Einkaufspreise wirken zeitverzögert
Euro wird schwächer    Wechselkurs
Euro wird stärker    Leider bereits langfristig eingekauft
Ferien beginnen    Hohe Nachfrage
Ferien enden    Rückreiseverkehr

"Das System ist lückenlos", erklärte der Vorsitzende stolz. "Wir können inzwischen jeden Benzinpreis begründen, unabhängig vom Benzinpreis."

Ein Mitarbeiter meldete sich vorsichtig.

"Was machen wir, wenn gleichzeitig der Rheinpegel steigt, der Ölpreis fällt und der Euro stärker wird?"

Der Vorsitzende dachte kurz nach.

"Dann verweisen wir auf geopolitische Unsicherheiten."

"Und wenn die geopolitische Lage ruhig ist?"

"Raffineriewartung."

"Wenn keine Raffinerie gewartet wird?"

"Dann nennen wir es vorsorgliche Marktreaktion."

Alle nickten erleichtert. Die Versorgung mit Begründungen war gesichert.

An einer Tankstelle in Köln stand währenddessen Herr Schmitz vor der Preistafel und führte ein ernstes Gespräch mit seinem Portemonnaie.

"Sieben Cent mehr als in Bayern", murmelte er. "Wegen Niedrigwasser."

Sein Portemonnaie schwieg. Es war zu schwach für eine Stellungnahme.

Herr Schmitz überschlug die Rechnung. Bei 50 Litern waren sieben Cent Unterschied immerhin 3,50 Euro. Nicht genug, um deshalb nach Bayern zu fahren - aber genug, um sich bei jedem Tankvorgang darüber zu ärgern, dass man wieder einmal eine geografische Sonderabgabe entrichtete, die weder auf der Quittung stand noch demokratisch beschlossen worden war.

Er ging zur Kasse.

"Ist das Benzin heute wieder teurer?"

"Der Rhein hat Niedrigwasser", sagte der Kassierer.

"Ich tanke aber nicht im Rhein."

"Das Benzin kam teilweise über den Rhein."

"Und meine Banane kam über den Atlantik. Trotzdem kontrolliert der Supermarkt nicht vor jedem Verkauf den Wellengang bei Madeira."

Der Kassierer zuckte mit den Schultern.

"Ich mache die Preise nicht."

"Wer macht sie denn?"

"Der Markt."

"Kann ich mit dem sprechen?"

"Nein. Der Markt ist nur erreichbar, wenn die Preise sinken sollen. Dann ist er gerade mit internationalen Entwicklungen beschäftigt."

Herr Schmitz bezahlte und trat hinaus. Er betrachtete den Rhein, der sich sichtlich bemüht zeigte, trotz seines Wasserstandes weiterzufließen.

"Du kannst wahrscheinlich gar nichts dafür", sagte er.

Der Rhein plätscherte schuldbewusst.

Schließlich war er nur ein Fluss. Er floss durch vier Bundesländer, trug in allen vier Güterschiffe und hatte über Jahrhunderte Kriege, Hochwasser, Industrialisierung und Ausflugsschiffe mit Schlagermusik ertragen. Doch nun sollte er auch noch die vollständige Verantwortung für die Preisgestaltung nordrhein-westfälischer Tankstellen übernehmen.

Das war selbst für einen Strom seiner Größe zu viel.

Am Abend trat der Minister erneut vor die Presse.

"Wir beobachten die Lage sehr genau."

Das war beruhigend. In Deutschland bedeutet "Wir beobachten die Lage", dass bereits jemand ein Fernglas bestellt hat und nun geprüft wird, welche Behörde für dessen Benutzung zuständig ist.

"Was können die Verbraucher tun?", fragte eine Journalistin.

"Preise vergleichen, sparsam fahren und möglichst zu günstigen Tageszeiten tanken."

"Also soll der Bürger die Folgen einer angespannten Lieferkette dadurch lösen, dass er nachts um 22 Uhr zur Tankstelle fährt?"

"Eigenverantwortung ist ein hohes Gut."

"Und was tut die Politik?"

"Wir appellieren an die Mineralölwirtschaft."

"Mit welchem Ergebnis?"

"Die Mineralölwirtschaft beobachtet die Lage ebenfalls."

Damit war der Kreis geschlossen.

Der Rhein blieb niedrig, der Benzinpreis blieb hoch, die Verantwortlichen blieben besorgt und der Autofahrer blieb der Einzige, bei dem tatsächlich etwas sank: der Kontostand.

Und irgendwo zwischen Basel und Duisburg fuhr ein Frachtschiff mit reduzierter Ladung über den Rhein. Es passierte Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen - also jene Länder, in denen auf dem Strom tatsächlich Güter transportiert werden.

Nur die sieben Cent, die fuhren offenbar ausschließlich nach NRW.

Vermutlich hatten sie dort ihren Hauptwohnsitz.

Samstag, 4. Juli 2026

Tankstellen Wahnsinn - Mathematik der Gefühle

 


Die Schlange vor der “Billig-Tankstelle” um 11:57 Uhr ist Deutschlands ehrlichstes Kabarett. Da stehen sie, die selbsternannten Effizienz-Gurus, die seit Monaten verkünden, sie fingen erst bei 30 bis 40 Euro Stundenlohn überhaupt an, über Arbeit nachzudenken — und investieren dann 30 bis 40 Minuten Lebenszeit, um 50 Cent zu sparen. Das ist kein Widerspruch, das ist Hochleistungsmathematik der Gefühle.

Vorne am Zapfhahn wird geflüstert, als ginge es um geheime Hedgefonds-Strategien: “Nur noch drei Minuten bis zur Preisumstellung!” Hinter ihnen parkt die Realität: 20 Autos, 19 laufende Motoren, 18 Podcasts über “passives Einkommen”. Die App sagt, die Markentankstelle 200 Meter weiter kostet heute exakt einen Espresso mehr pro Tankladung.
Aber wer wird denn für Vernunft bezahlen, wenn man für Prinzipien schwitzen kann? Denn wie Opa bereits sagte: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich ... 
Ein Mann mit Warnweste (selbst ernannt, nicht vorgeschrieben) rechnet laut vor: “Wenn ich hier 50 Cent spare und das zwölfmal im Jahr mache, dann habe ich sechs Euro — das ist ein halber Döner!” Er strahlt wie nach einem TED-Talk. Neben ihm eine Frau, die fest daran glaubt, dass Zeit nur dann Geld ist, wenn eine Stempeluhr mitschreibt. Außerhalb der Arbeit gilt Zeit als Hobby.
Das Schönste ist der Blick auf die Uhr, wenn es 12:01 schlägt und die Anzeige um drei Cent klettert: allgemeines Entsetzen, als hätte der Diesel gerade die Unschuldsvermutung verloren. Dann die kollektive Erkenntnis: “Morgen kommen wir früher.” Morgen wird die Schlange um 11:37 beginnen. Nachhaltigkeit heißt hier: die Tradition der selbstgemachten Engpässe pflegen.
Die Markentankstelle wenige Meter weiter? Leer wie ein Freibad im November. Gleicher Sprit, keine Wartezeit, keine Stau-Selbsthilfegruppe, keine nervöse Countdown-Spiritualität — aber eben ohne den Adrenalinkick, ein Schnäppchen erlitten zu haben.
Am Ende fährt jeder heim mit zwei Dingen im Tank: Kraftstoff und der beruhigenden Gewissheit, dem System ein Schnippchen geschlagen zu haben. Das System bedankt sich — und berechnet still den Stundenlohn für 50 Cent.

Dienstag, 16. Juni 2026

Der Orient rüstet auf

Früher stand der Mensch noch mit beiden Beinen in der Küche und mit beiden Händen im Leben. Da wurde gekocht, indem man Zwiebeln schnitt, im Topf rührte und mit geübtem Blick entschied, wann das Essen gut war. Heute braucht ein Kochtopf erst einmal ein Passwort, ein Software-Update und eine stabile WLAN-Verbindung, bevor die Suppe überhaupt daran denkt, warm zu werden. Der Braten schmort nicht mehr einfach - er synchronisiert sich.




Auch das Auto war einmal eine sehr direkte Angelegenheit. Man stieg ein, drehte den Schlüssel, legte den Gang ein und fuhr los. Wer etwas bedienen wollte, benutzte Hände, Füße und Verstand. Heute klickt man auf dem Smartphone herum, während das Fahrzeug meldet, dass die App kurz neu gestartet werden muss. Der Mensch sitzt daneben wie ein ehemaliger Kutscher, der miterleben darf, wie die Kutsche plötzlich ein Benutzerkonto verlangt.

Und wie es mit allen großen technischen Umwälzungen ist, macht auch der Orient vor dem Fortschritt keinen Halt. Wo einst ein fliegender Teppich noch durch Zauber, Geheimnis und eine gute Portion Märchenkunst abhob, erscheint nun der Teppichhändler mit stolz geschwellter Brust und verkündet die Neuheit der Saison: fliegende Teppiche mit eigens programmierter App-Steuerung. Starten, landen, schweben - alles per Fingertipp. Der Zauber von tausendundeiner Nacht hat endlich ein Login.

Der Kunde von heute will schließlich Komfort. Warum soll man noch feierlich "Hebe dich!" rufen, wenn man einfach auf "Take Off" drücken kann? Warum mühsam nach Himmelsrichtung und Windgefühl navigieren, wenn die App in Echtzeit meldet: "Achtung, Ihr Teppich weicht wegen eines Updates kurz von der Route ab"? Selbst der fliegende Teppich hat nun Bluetooth, wahrscheinlich damit man unterwegs passende Wüstenmusik streamen kann.




So wandelt sich die Zeit: Aus Handwerk wird Touchscreen, aus Erfahrung wird Benutzeroberfläche und aus Magie wird ein Produkt mit Ladegerät. Und wenn wir ehrlich zurückblicken, dann hatte unsere Generation ihre erste App schon sehr früh - nur hieß sie damals nicht digital, sondern ganz schlicht: Zündapp. Da musste man immerhin noch selbst lenken.


Die Brandmauer

Freitag, 12. Juni 2026

Wird die Tragfähigkeit der oft erwähnten Regenbogenbrücke eigentlich auch überprüft ???

Es war einmal die berühmte Regenbogenbrücke, ein ehrwürdiges Bauwerk zwischen den Welten. Seit Generationen überquerten Hunde, Katzen, Kaninchen und zahllose andere verstorbene Tiere die schillernde Brücke auf ihrem Weg zu den ewigen Wiesen.

Doch die Jahrzehnte haben ihre Spuren hinterlassen. Hier ein Riss, dort etwas Rost, und an manchen Stellen fehlte schon mehr Farbe als Beton. Nicht nur die Tiere tuschelten besorgt.

„Hat denn niemand nach der Brücke geschaut?“, fragte der alte Bernhardiner Bruno.

Eines Tages erschienen feierlich die Experten von Straßen ins Jenseits  und der Autobahn Wartung. Ausgerüstet mit Klemmbrettern, Messgeräten und Warnwesten untersuchten sie die Konstruktion.

Nach zahlreichen Sitzungen, Gutachten, Arbeitskreisen und einer Präsentation mit 148 Powerpoint-Folien verkündeten sie:

„Die Tragfähigkeit ist grundsätzlich gegeben. Allerdings wird die Regenbogenbrücke vorsorglich zunächst für Großtiere gesperrt. Nutzbar ist diese Brücke ja eh nur in eine Richtung“

Daraufhin stellte man ein neues Schild auf:

„Für Großtiere gesperrt“

Der Elefant Erwin, der gerade nach einem langen Leben angekommen war, blieb verwundert stehen.

„Und was mache ich jetzt?“

„Bitte haben Sie Verständnis“, erklärte ein Sprecher. „Politik und Wirtschaft arbeiten bereits an tragfähigen Konzepten und Lösungen.“

„Wann?“, fragte Erwin.

„Sobald die Machbarkeitsstudie für den Vorentwurf der Grundlagenplanung der vorbereitenden Sanierungsstrategie abgeschlossen ist.“

„Und wann ist das?“

„Voraussichtlich nach Abschluss der Abstimmungen über die Terminplanung für die Ausschreibung der Voruntersuchungen.“

Der Elefant seufzte und setzte sich neben die Giraffe Gertrud und das Nashorn Norbert, die ebenfalls vor dem Schild warteten.

Inzwischen wurden zahlreiche Arbeitsgruppen gegründet. Vertreter aus Politik und Wirtschaft präsentierten ehrgeizige Pläne:

- eine nachhaltige Brückensanierung,

- eine innovative Tierverkehrsstrategie,

- ein Kompetenzzentrum für Regenbogeninfrastruktur,

sowie einen Runden Tisch „Zukunft der Jenseitsmobilität“.

Die Presse sprach von einem „historischen Meilenstein“.

Währenddessen überquerten weiterhin Mäuse, Hamster und Wellensittiche unbehelligt die alte Brücke. Nur vor dem Schild für Großtiere wurde die Warteschlange immer länger.

Der Elefant Erwin blickte eines Abends auf die funkelnde Brücke und murmelte:

„Vielleicht erleben wir die Sanierung ja noch …“

Das Nashorn Norbert nickte, das Pferd Jumper gab sich skeptisch.

„Bestimmt. Immerhin arbeiten sie bereits an den Plänen für die Planung der Planungen.“

Und so warteten die Großtiere geduldig weiter – ganz im Vertrauen darauf, dass irgendwann zwischen Gutachten, Arbeitskreisen und Pressekonferenzen vielleicht sogar eine Brücke repariert werden könnte.


Die Brandmauer

Sonntag, 7. Juni 2026

HSD - Traut Euch normal zu sein

 Es war ein historischer Tag. Zum allerersten Mal fand in der Innenstadt der HSD statt – der Hetero Street Day. Unter dem Motto „Traut euch, normal zu sein!“ formierte sich die am längsten übersehene Randgruppe der Gesellschaft: die absolute, unausweichliche Mehrheit.



Thorsten (46, Abteilungsleiter, verheiratet, zwei Kinder) stand an der Spitze des Zuges. Sein Herz klopfte unter dem Camp-David-Hemd. Mit zitternden Händen hielt er die eigens entworfene Straight-Pride-Flagge in den Wind: drei querverlaufende Streifen in Beige, Graumeliert und Anthrazit.

„Beige steht für unsere Bausparverträge“, erklärte Thorsten einer verblüfften Passantin per Megafon, „Graumeliert für das Wetter an unseren Nordsee-Urlauben und Anthrazit für den perfekten Vorwerk-Teppich.“

Die Atmosphäre war elektrisierend, aber stets im Rahmen der gesetzlichen Lärmschutzverordnungen. Statt wummernder Techno-Beats von riesigen Trucks rollte der Zug in einer Kolonne von frisch gewaschenen, mittelgrauen VW Passat und Skoda Octavia (Kombi) durch die Straßen. Aus den leicht geöffneten Fenstern schallte mutig und unzensiert Mark Forster, unterbrochen von den stündlichen Verkehrsnachrichten von SWR3.

Auf dem ersten Wagen, der eigentlich nur ein Anhänger des örtlichen Baumarktes war, tanzten Sabine und Michael. Sie trugen den ultimativen Ausdruck ihrer sexuellen und romantischen Identität: die aquamarinblaue Jack-Wolfskin-Partnerjacke. „Wir zeigen uns heute, wie wir wirklich sind!“, rief Sabine und schwenkte eine Bratwurstzange. „Wir lassen uns nicht mehr vorschreiben, dass Paartanzkurse am Freitagabend uncool seien! Wir sind hier, wir sind laut, weil wir grad ein Eigenheim gebaut!“

Die Schilder der Demonstranten erzählten von jahrzehntelangem Leid und den täglichen Mikroaggressionen, denen Heterosexuelle in modernen Großstädten ausgesetzt sind:

  • „Mein Körper, meine Entscheidung: Ich trinke Kuhmilch in meinem Filterkaffee!“
  • „Stoppt die Diskriminierung: Missionarstellung ist auch eine Stellung!“
  • „Gegen die Spaltung der Gesellschaft – für die Ehegattensplitting!“
  • „Thermomix-Rezepte sind Kultur!“

Thorsten erinnerte sich an sein eigenes Coming-out. Wie schwer es gewesen war. „Mama, Papa…“, hatte er damals am Küchentisch gesagt, „ich muss euch etwas sagen. Ich… ich fühle mich zu Frauen hingezogen. Ich möchte später mal heiraten, ein Reihenhaus erwerben, den Rasen am Samstagmorgen mähen und jeden Sonntag um 20:15 Uhr still beim Tatort auf dem Sofa sitzen.“ Seine Eltern hatten geweint. Vor Erleichterung.

Doch draußen in der Welt war es härter. Erst gestern wurde Thorsten in einem hippen Szene-Café schräg von der Seite angesehen, als er nach einem „ganz normalen Stück Käsekuchen ohne dieses vegane Gedöns“ fragte. Es war dieser stürmische Gegenwind der Moderne, der die Heteros heute auf die Straße trieb.

Gegen 15:30 Uhr erreichte der HSD seinen Höhepunkt: Ein emotionales „Gender-Reveal-Ritual“ mitten auf dem Marktplatz. Aus einer unscheinbaren Pappschachtel wurden rosa und hellblaue Luftballons in den Himmel entlassen, während die Menge ergriffen klatschte. „Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen!“, rief ein Mann im Hintergrund tief bewegt und wischte sich eine Träne aus den Augen. „Dass man das heute noch so offen sagen darf… Danke, HSD!“

Der Demonstrationszug verlief völlig friedlich. Es gab keine Eskalationen, auch weil das Ordnungsamt nicht eingreifen musste – die Demonstrationsteilnehmer hatten sich bereits auf dem Hinweg bei Rot an den Fußgängerampeln aufgereiht.

Pünktlich um 17:45 Uhr wurde die Demonstration offiziell für beendet erklärt. Nicht etwa, weil die Energie nachließ, sondern weil das Abendbrot rief. Man hatte schließlich schon vor Wochen einen Tisch beim Lieblings-Italiener „Da Mario“ reserviert, und wenn man nach 18:30 Uhr anruft, ist es dort immer so laut.

Thorsten faltete die beige-grau-anthrazite Flagge akkurat auf DIN-A4-Größe zusammen und legte sie in den Kofferraum seines Kombis. Er lächelte seine Sabine an. „Weißt du was, Schatz?“, sagte er. „Was denn?“, fragte sie und reichte ihm ein zuckerfreies Pfefferminz. „Nächstes Jahr… nächstes Jahr kommen wir mit dem E-Bike zur Parade.“

Sabine nickte stolz. Die Revolution hatte gerade erst begonnen.


Die Brandmauer

Donnerstag, 28. Mai 2026

Ursache des Brandes: Genügend brennbares Material, ausreichend Sauerstoff und ein Funke (oder: Dumme Menschen)

An jenem Samstag, an dem die Sonne so gnadenlos brannte, dass selbst Teerpappen um Gnade winselten und Parkuhren Sonnencreme verlangten, rollte eine Kolonne hochbegabter Brandschutztheoretiker durchs Land. Sie trugen die Insignien ihrer Zunft: Sonnenbrille in der Stirn, Ellenbogen im Fahrtwind, und zwischen den Fingern jene brennende Fußnote der Zivilisation, die Zigarette.


Vorneweg saß Kevin-Ohne-Aschenbecher. Kevin wusste, was Verantwortung ist: „Sicher entsorgen“, murmelte er, kurbelte das Fenster herunter wie ein Pilot die Landeklappen – und schnippte die glühende Philosophierute ins goldene Kornfeld. Schließlich ist Mutter Natur ja bekanntlich aschegrau eingerichtet und trägt gern Feuerspuren, das macht so eine Fläche erst „lebendig“. Hinter ihm applaudierte das Navi mit einer Routen-Neuberechnung direkt in die Feuerwehrzufahrt.


Im zweiten Wagen fuhr Mandy-Meteorologin, die Wetterkunde auf TikTok studiert hatte. „Trockenheit? Quatsch. Wenn’s heiß ist, schwitzen die Bäume doch, das kühlt!“ sagte sie, zog genüsslich, und die Eiche am Straßenrand verkniff sich höflich den Schweiß, weil Holz bekanntlich eine eher trockene Persönlichkeit hat. Mandy schnippte ihren Stummel hinaus – ein kleines, rot glühendes Dankeschön an den Photosynthese-Service. „Win-win“, erklärte sie, während hinter ihr das Feld die Kündigung an den Sommerurlaub schrieb.


Im Wald stand zur gleichen Zeit Ronny-Romantik. Er hatte sich den Ort sorgsam ausgesucht: direkt unter einer Fichtenkollektion, die seit Wochen nur noch aus Zellulose und Hoffnung bestand. Er pustete Rauchkringel in die Baumkronen, als wären es Liebesbriefe an die Feuerwehr. „Natur braucht Feuer, guck mal Australien – voll modern da“, flüsterte er und steckte seine Kippe in ein Bett aus knusprigem Nadelteppich, das knisterte wie Applaus bei einer Brandschutzerklärung von einer Kerze.


Auf der Lichtung tagte der Große Rat der Vernunft: eine durstige Wasserflasche, ein leeres Aschenbecher-Schild und ein Feuerlöscher auf Krücken. „Wir sind hier die Minderheit“, seufzte der Feuerlöscher und hustete trocken. Ein Specht trommelte SOS in die Stille, doch die Menschen hörten nur ihre eigene Coolness, die lauter war als jeder Vogel und dümmer als jeder Stein.


Kevin-Ohne-Aschenbecher fuhr inzwischen weiter und erklärte seinem Beifahrer die Physik: „Vom Wind geht’s aus.“ Genau in dem Moment entschied sich der Wind, ein Praktikum als Brandbeschleuniger anzutreten, und trug die Glut liebevoll über die Felder, als wäre sie ein VIP-Gast ohne Ticket. Der erste Rauchfaden stieg auf wie eine Frage an die Menschheit: Wirklich jetzt?


Mandy-Meteorologin hielt an, um ein Selfie zu machen. „Hot girl summer“, schrieb sie unter das Foto, auf dem hinter ihr ein Horizont die Stirn runzelte. Ronny-Romantik tippte eine Rezension: „Wald angenehm warm, riecht nach Lagerfeuer, fünf Sterne, komme wieder.“ Die Bäume klatschten erneut, mit Funken.


Dann tauchten sie auf: die roten Autos, jene unbezahlten Geduldspädagogen auf Rädern. Menschen in Schutzkleidung, die bei 36 Grad taten, was Erwachsene tun, wenn Kinder mit Streichhölzern spielen und „Physik“ rufen. Sie legten Schläuche wie Nervenbahnen über die Felder, gaben dem Feuer Wasser zum Trinken und der Dummheit eine schweigende Ohrfeige. Kevin blinzelte in den Blaulichttakt und hatte plötzlich sehr viel Durst nach Ausreden. Mandy schob die Sonnenbrille hoch und tat so, als hätte sie nur Wolken studiert. Ronny kickte verlegen seinen Aschenhaufen unter eine Wurzel – die Wurzel schob ihn postwendend wieder hervor. Pflanzen haben kein Gesicht, aber manche Blicke brennen.


Eine alte Frau stand barfuß vorm Gartenzaun, hielt einen Gartenschlauch wie eine zarte Lanze und flüsterte etwas, das man nur hört, wenn man schon mal etwas verloren hat: „Ein Funke reicht.“ Es klang nicht wie Moral, eher wie Mathematik.


Später, als der Rauch in dünne Reue zerfiel und die Medien das Wort „mutmaßlich“ in die Mikrofone legten wie ein Feigenblatt für die Wirklichkeit, standen unsere drei Spezialisten am Straßenrand. Kevin betrachtete die Brandnarbe im Feld, einen schiefen Halbmond, der aussah wie ein schlechtes Tattoo: Dummheit in Kursiv. Mandy googelte „Wie löscht man Klima?“, fand aber nur Treffer zu Klimaanlagen. Ronny hielt die letzte Zigarette in der Hand, als wäre sie plötzlich schwer geworden – ein kleines, graues Urteil mit Filter.


„War doch nur ein Stummel“, sagte Kevin endlich, die vier Worte, mit denen sich die Menschheit bereits Berge und Meere erklärt hat. Die alte Frau drehte den Wasserhahn zu und antwortete nicht. Stattdessen sprach die Stille, und sie sagte sehr deutlich: Nur ist das Lieblingswort des Feuers. Nur ein Funke. Nur ein Windstoß. Nur ein Sommer.


In der Ferne hing ein neues Schild am Waldrand. Keine Paragrafen, keine Drohungen, nur ein Satz, groß genug, um aus fahrenden Autos verstanden zu werden:


Bitte schmeiß deine Glut gleich auf dein Sofa. Ist kürzerer Dienstweg zur Feuerwehr.


Die Brandmauer

Mittwoch, 27. Mai 2026

Drei Fragen, ein Leben ... und die Smartwatch


Warum wird der Mensch geboren? 

Weil das Universum einen schlechten Sinn für Humor hat und die Personalabteilung der Existenz chronisch unterbesetzt ist. Irgendjemand muss ja die Steuererklärungen ausfüllen, die Staubschichten vererben und die Kaffeemaschinen entkalken. Außerdem braucht die Statistik neue Datensätze für “durchschnittliche Pendelzeit” und “Anzahl ungenutzter Fitnessabos”.

Warum stirbt der Mensch? 

Weil die Garantie abläuft, die Ersatzteile teuer sind und die Bedienungsanleitung in 12 Sprachen vorliegt, aber nie in der, in der das Leben gerade Fragen stellt. Und ganz ehrlich: Nach Jahrzehnten Straßenverkehr im Berufsverkehr hat selbst die Unsterblichkeit Burnout.

Warum trägt er in der Zwischenzeit eine Smartwatch? 

Weil nichts so sehr nach Sinn klingt wie ein Vibrationsalarm, der uns daran erinnert, aufzustehen, während wir sitzen, um Geld zu verdienen, das nicht reicht, um uns hinzulegen. Die Smartwatch zählt unsere Schritte, damit wir merken, dass wir im Kreis laufen. Sie misst den Puls, wenn die Steuerlast uns den Blutdruck hochtreibt, und lobt uns für 10.000 Schritte – die Hälfte davon im Amt auf der Suche nach Zimmer 3.14, das es nur donnerstags zwischen 9:07 und 9:11 gibt.

Über die Arbeit 

Man arbeitet, um zu leben, lebt, um zu arbeiten, und arbeitet dann nochmals, um die Arbeit zu rechtfertigen: Meetings über Meetings, in denen die Folie “Work-Life-Balance” mit 10-Punkt-Schrift erklärt, wie man mit 60 Stunden die 40-Stunden-Woche spürt. Der Lohn? Reicht, um den Kühlschrank zu füllen, die Motivation aber bleibt im Dispo. Am Monatsende sagt das Konto: “Charakterbildung statt Kapitalbildung.” Die Karriereleiter ist übrigens eher ein Hamsterrad mit Geländer.


Über die Steuer 

Der Staat ist wie ein großzügiger Onkel, der dir 100 Euro zum Geburtstag schenkt und später eine Rechnung über 120 schickt – mit freundlichen Grüßen und dem Hinweis, dass die Straßenlaterne vor deiner Haustür jetzt energieeffizienter flackert. Man zahlt Einkommensteuer, Mehrwertsteuer, Energiesteuer, CO₂-Preis und eine Abgabe auf das Gefühl, gerade genug verdient zu haben, um zu merken, dass es nicht genug ist. Steuern sind die Kunst, gemeinsam das zu finanzieren, worüber man sich dann im Stau aufregt.


Über den Straßenverkehr 

Die Straße ist ein mobiles Soziologie-Seminar: Alle sind zu langsam, außer einem selbst; alle sind rücksichtslos, außer einem selbst; und alle sind genervt – inklusive einem selbst. Die Ampelphasen wurden entworfen, um Geduld zu lehren, aber der Bus kommt immer dann, wenn die Smartwatch meldet: “Puls zu hoch, bitte atmen.” Radfahrende lernen Geometrie an SUV-Spiegeln, Autofahrende üben Tetris auf Parkplatzflächen, und die Bahn hält pünktlich – nur halt am falschen Bahnhof. Pendeln heißt: Du wohnst da, wo du schläfst, und lebst da, wo du arbeitest.


Über Konsum und Sinn 

Wir kaufen Dinge, um Zeit zu sparen, damit wir mehr Zeit haben, um Dinge zu kaufen. Minimalismus ist das neue Maximalismus: weniger besitzen, aber in Premium. Die Smartwatch teilt mit, dass unser Schlaf “mäßig” war – beruhigend, endlich eine Kennzahl für das diffuse Gefühl, seit 2016 müde zu sein. Und wenn die Watch merkt, dass wir traurig sind, empfiehlt sie: “Atemübung – oder 20% Rabatt auf neue Armbänder.”


Über Gesundheit 

Gesundheit ist, wenn die Schritte grün, der Schlaf blau und die Steuerbescheide noch ungeöffnet sind. Man trinkt Ingwerwasser gegen die Weltlage, Magnesium gegen Meetings und hofft, dass das nächste Update die Müdigkeit fixt. “Bitte heute 8.000 Schritte!” – kein Problem: 6.000 im Büro, 2.000 innerlich.


Über Politik 

Alle wollen die Mitte, niemand weiß, wo sie parkt. Die eine Hälfte verspricht Entlastung, die andere liefert Belege. Man debattiert über Brücken, die erst gebaut werden, nachdem sie gesperrt sind, und darüber, ob Digitalisierung ein WLAN-Passwort oder ein Glaubensbekenntnis ist. Am Ende gibt’s einen runden Tisch – quadratisch, praktisch, folgenlos.


Über das große Ganze Die drei großen Fragen bleiben:


Warum geboren? Damit jemand den Akkustand meldet.

Warum sterben? Damit wir aufhören, den Akkustand zu melden.

Warum Smartwatch? Damit zwischen “Hallo Welt” und “Licht aus” jemand piept, wenn wir das Atmen vergessen.

Und zwischendrin? 

Wir arbeiten zu viel für zu wenig, zahlen dafür ordentlich, stehen im Stau, zählen Schritte, streiten über Prozentpunkte und finden genau in den fünf Minuten, in denen das Licht schön fällt, den Moment, in dem alles Sinn macht: ein Lachen am Küchentisch, eine leere Straße im Morgengrauen, ein Kaffee, der ausnahmsweise nach Zukunft schmeckt. Die Watch summt: “Ziel erreicht.” Für einmal hat sie recht.


Die Brandmauer

Freitag, 15. Mai 2026

Germany - One Point - der ESC steht vor der Tür

Der Eurovision Song Contest, kurz ESC, ist ja mittlerweile weniger ein Liederwettbewerb als eine geopolitische Gruppentherapie mit Nebelmaschine. Besonders schön sieht man das am ehemaligen Jugoslawien: Einst ein einziges Land, heute sechs – alle mit eigener Flagge, eigener Startnummer und eigener, sagen wir, sehr kreativer Vorstellung von musikalischer Qualität. Immerhin schießen sie nicht mehr aufeinander, sondern nur noch mit Punkten oder deren dramatischer Verweigerung.




Drei davon – Serbien, Montenegro und Kroatien – dürfen dieses Jahr immerhin auftreten und der Welt ihre Werke präsentieren. Slowenien hingegen hat abgesagt, genauso wie die Niederlande, Spanien, Irland und Island. Vielleicht Protest, vielleicht Müdigkeit, vielleicht pure Einsicht.

Über die musikalischen Einlagen lässt sich ja ohnehin vortrefflich streiten. Manche nennen es Vielfalt, andere mutige Kunst, wieder andere schlicht einen Angriff auf das eigene Trommelfell. Und am Ende gewinnt traditionell der Beitrag, der am meisten Stirnrunzeln verursacht – ein Lied, das selbst die Jury nur mit zusammengebissenen Zähnen „innovativ“ nennt.

Kurz: Der ESC bleibt das, was er immer war – ein glitzernder Jahrmarkt zwischen Genie, Wahnsinn und diplomatischer Schadensbegrenzung.


Die Brandmauer

Mittwoch, 13. Mai 2026

EILMELDUNG: 1000 Euro - ADE


 

"Solarenergie? War gestern! Heute gilt: Selber schuld, wer uns geglaubt hat"

Ein Lehrstück in politischer Gedächtniskunst

Erinnern Sie sich noch? An diese goldenen Jahre, als Deutschland im Solarfieber lag? Als Ministerien Hochglanzbroschüren druckten, auf denen fröhliche Familien unter glänzenden Solarpanels in die Kamera strahlten? Als jeder Talkshow-Gast beteuerte, wer jetzt nicht investiere, sei praktisch ein Klimaterrorist mit Eigenheim?





Die Botschaft war so klar wie eine frisch geputzte Photovoltaikzelle: "Kauft Solaranlagen! Rettet die Welt! Werdet Helden mit Dachziegel!"


Und die Bürger? Die haben's getan. Brav. Kredite aufgenommen, Dächer zugepflastert, Excel-Tabellen mit Amortisationsrechnungen gefüllt. Manche haben sogar den Urlaub gestrichen – für die Energiewende! Für die Zukunft! Für die versprochene Einspeisevergütung, die so sicher war wie das Amen in der Kirche.


Und jetzt?

Jetzt kommt Katherina R. um die Ecke und verkündet mit der Leichtigkeit einer Wetteransagerin: "Die Vergütung reicht jetzt."

Ach so. Reicht jetzt. Verstehe.

Das ist ungefähr so, als würde man jemandem jahrelang zureden, Marathon zu laufen, ihm Laufschuhe schenken, ihn anfeuern – und bei Kilometer 35 rufen: "Weißt du was? Zieleinlauf gibt's nicht mehr. War zu teuer. Aber danke fürs Schwitzen!"


Das Versuchskaninchen darf vom Laufrad steigen

Frau R. verkörpert damit das Beste, was deutsche Politik zu bieten hat: die Fähigkeit, mit ernster Miene das genaue Gegenteil von gestern zu verkünden, als wäre das der Plan gewesen. Jahrelang wurde den Menschen erklärt, ohne Solaranlage sei man moralisch etwa auf dem Niveau eines SUV-fahrenden Plastiktüten-Sammlers. Wer investierte, war ein Held. Wer zögerte, wurde schief angeschaut.

Und kaum haben Hunderttausende ihr Erspartes in diese "sichere Zukunft" gesteckt, entdeckt die Politik ihre Leidenschaft für den Rückwärtsgang. Mit Vollgas.


Die neue Formel lautet:

  • Montag: Fördern!
  • Mittwoch: Vergessen!
  • Freitag: Für beendet erklären!
  • Sonntag: Überrascht sein, dass Leute sauer sind.

Das ist keine Wirtschaftspolitik. Das ist politisches Improvisationstheater. Nur ohne Applaus.


"Tja, dumm gelaufen" – die neue Planungssicherheit

Besonders charmant ist die Botschaft an all jene, die tatsächlich an die Versprechen geglaubt haben. Menschen, die nicht spekuliert, sondern vertraut haben. Die dachten, wenn der Staat sagt "Macht das!", dann meint er das auch länger als bis zur nächsten Haushaltskrise.

Diese Menschen dürfen jetzt lernen: Politische Zusagen haben ein Verfallsdatum. Wie Joghurt im Sonderangebot. Nur dass man bei Joghurt wenigstens vorher das Datum lesen kann.


Die Sonne schickt keine Rechnung. Aber auch keine Vergütung mehr.

Früher hieß es: "Die Sonne schickt keine Rechnung!" Heute müsste man ergänzen: "Aber der Staat schickt auch keine Vergütung mehr. Überraschung!"

Wer soll denn künftig noch investieren? In Wärmepumpen? In Infrastruktur? In irgendwas, das länger hält als eine Legislaturperiode? Wer nimmt einen 20-Jahre-Kredit auf, wenn die Politik alle fünf Jahre würfelt, welche Versprechen noch gelten?


Das Prinzip ist genial einfach:

  1. Moralisch aufladen
  2. Milliarden verschieben
  3. Bürger investieren lassen
  4. Später überrascht tun
  5. Wiederholen

Fazit: Vertrauen ist was für Anfänger

Wenn Verlässlichkeit zum politischen Wegwerfartikel wird, dann ist nicht der Bürger das Problem. Dann ist die Politik zur Zumutung geworden.

Aber hey, vielleicht ist das ja der Plan: Wer künftig noch staatlichen Versprechen glaubt, ist selber schuld. Eigenverantwortung nennt man das. Oder politische Gedächtniskunst.

Die nächste Kampagne kommt bestimmt. Vielleicht für Windräder im Vorgarten. Oder Gezeitenkraftwerke in der Badewanne.

Nur eines ist sicher: In zehn Jahren wird man sich wundern, warum niemand mehr mitmacht.


Die Brandmauer

Montag, 11. Mai 2026

Die große Hanta-Verschwörung – Eine Satire über Mensch, Maus und Maskenpflicht


Es begann, wie alle großen Katastrophen beginnen: mit einem Influencer und einem Selfie. Im Frühjahr, als die Welt gerade die letzte Corona-Maske in die Schublade „Erinnerungen an 2020“ legte, beschloss ein junger Foodblogger namens Kevin-Kai, dass die Menschheit dringend ein neues Superfood brauche. Quinoa war durch, Chiasamen zu langweilig, und Avocados hatten wegen ihres Wasserverbrauchs ein Imageproblem. Da entdeckte er auf einer Reise durch die Wälder Ostasiens eine kleine, pelzige Sensation: die Waldmaus.


„Proteinreich, nachhaltig, regional – und sooo süß!“, schrieb er unter sein erstes Video, in dem er eine Maus auf der Hand hielt und ihr ein Stück veganes Käseimitat anbot. Innerhalb von Stunden trendete der Hashtag #MouseMealChallenge. Millionen Menschen weltweit wollten plötzlich wissen, wie man Mäuse richtig zubereitet – roh, gebraten oder fermentiert.





Was niemand ahnte: Die Maus war nicht nur reich an Eiweiß, sondern auch an einem kleinen, unscheinbaren Bonus – dem Hantavirus. Ein Virus, das bis dahin friedlich in den Mäusepopulationen lebte und sich über die Dummheit der Menschen keine Sorgen machen musste. Doch dann kam TikTok.


Innerhalb weniger Wochen verbreitete sich das Virus schneller als ein Rabattcode für Desinfektionsmittel. Die ersten Symptome ähnelten – natürlich – einer „leichten Erkältung“. Gesundheitsministerien weltweit gaben beruhigende Pressekonferenzen: „Kein Grund zur Panik. Es ist nur eine Mausgrippe.“ Doch schon bald kursierten Videos von Menschen, die in Supermärkten Klopapier horteten, diesmal „für alle Fälle“.


Die Parallelen zur Corona-Pandemie waren unübersehbar. Wieder gab es Maskendebatten („Bringt das was gegen Mäusekot?“), Impfgegner („Das Virus ist eine Erfindung der Pharmaindustrie, um Käse zu verkaufen!“) und Hamsterkäufe – wobei der Begriff diesmal wörtlich zu nehmen war, denn Hamster   (Anmerkung der Redaktion Die Brandmauer: Hamster / Maus: Die selbe Gattung - andere Spezies - schmeckt aber gleich)

galten plötzlich als „natürliche Gegenspieler der Maus“.  



Wissenschaftler arbeiteten fieberhaft an einem Impfstoff, während Verschwörungstheoretiker behaupteten, Bill Gates habe die Mäuse persönlich gezüchtet. In Talkshows diskutierten Experten über die ethische Verantwortung von Influencern, während Kevin-Kai in einem Livestream beteuerte, er habe „nur das Bewusstsein für nachhaltige Ernährung fördern“ wollen.


Nach Monaten des Chaos, Lockdowns und einer kurzlebigen Modewelle für Ganzkörper-Mäuseanzüge („HantaCouture“) wurde schließlich ein Impfstoff gefunden – entwickelt von einem Team aus Virologen, Tierärzten und einem ehemaligen Käsehersteller. Die Menschheit atmete auf, schwor sich Besserung und versprach, nie wieder in die Natur einzugreifen.


Bis ein Jahr später ein neuer Trend auftauchte: #BatSmoothieChallenge.

Und irgendwo in einer Höhle grinste eine Fledermaus.

Der große Merz-Halbierungstag

KI generiert: Die Brandmauer kippt Sachsen-Anhalt wagte den Sprung in die Zukunft – und landete im 21. Jahrhundert. Na ja, fünf Jahre lang....