Dienstag, 16. Juni 2026

Der Orient rüstet auf

Früher stand der Mensch noch mit beiden Beinen in der Küche und mit beiden Händen im Leben. Da wurde gekocht, indem man Zwiebeln schnitt, im Topf rührte und mit geübtem Blick entschied, wann das Essen gut war. Heute braucht ein Kochtopf erst einmal ein Passwort, ein Software-Update und eine stabile WLAN-Verbindung, bevor die Suppe überhaupt daran denkt, warm zu werden. Der Braten schmort nicht mehr einfach - er synchronisiert sich.




Auch das Auto war einmal eine sehr direkte Angelegenheit. Man stieg ein, drehte den Schlüssel, legte den Gang ein und fuhr los. Wer etwas bedienen wollte, benutzte Hände, Füße und Verstand. Heute klickt man auf dem Smartphone herum, während das Fahrzeug meldet, dass die App kurz neu gestartet werden muss. Der Mensch sitzt daneben wie ein ehemaliger Kutscher, der miterleben darf, wie die Kutsche plötzlich ein Benutzerkonto verlangt.

Und wie es mit allen großen technischen Umwälzungen ist, macht auch der Orient vor dem Fortschritt keinen Halt. Wo einst ein fliegender Teppich noch durch Zauber, Geheimnis und eine gute Portion Märchenkunst abhob, erscheint nun der Teppichhändler mit stolz geschwellter Brust und verkündet die Neuheit der Saison: fliegende Teppiche mit eigens programmierter App-Steuerung. Starten, landen, schweben - alles per Fingertipp. Der Zauber von tausendundeiner Nacht hat endlich ein Login.

Der Kunde von heute will schließlich Komfort. Warum soll man noch feierlich "Hebe dich!" rufen, wenn man einfach auf "Take Off" drücken kann? Warum mühsam nach Himmelsrichtung und Windgefühl navigieren, wenn die App in Echtzeit meldet: "Achtung, Ihr Teppich weicht wegen eines Updates kurz von der Route ab"? Selbst der fliegende Teppich hat nun Bluetooth, wahrscheinlich damit man unterwegs passende Wüstenmusik streamen kann.




So wandelt sich die Zeit: Aus Handwerk wird Touchscreen, aus Erfahrung wird Benutzeroberfläche und aus Magie wird ein Produkt mit Ladegerät. Und wenn wir ehrlich zurückblicken, dann hatte unsere Generation ihre erste App schon sehr früh - nur hieß sie damals nicht digital, sondern ganz schlicht: Zündapp. Da musste man immerhin noch selbst lenken.


Die Brandmauer

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