Mittwoch, 27. Mai 2026

Drei Fragen, ein Leben ... und die Smartwatch


Warum wird der Mensch geboren? 

Weil das Universum einen schlechten Sinn für Humor hat und die Personalabteilung der Existenz chronisch unterbesetzt ist. Irgendjemand muss ja die Steuererklärungen ausfüllen, die Staubschichten vererben und die Kaffeemaschinen entkalken. Außerdem braucht die Statistik neue Datensätze für “durchschnittliche Pendelzeit” und “Anzahl ungenutzter Fitnessabos”.

Warum stirbt der Mensch? 

Weil die Garantie abläuft, die Ersatzteile teuer sind und die Bedienungsanleitung in 12 Sprachen vorliegt, aber nie in der, in der das Leben gerade Fragen stellt. Und ganz ehrlich: Nach Jahrzehnten Straßenverkehr im Berufsverkehr hat selbst die Unsterblichkeit Burnout.

Warum trägt er in der Zwischenzeit eine Smartwatch? 

Weil nichts so sehr nach Sinn klingt wie ein Vibrationsalarm, der uns daran erinnert, aufzustehen, während wir sitzen, um Geld zu verdienen, das nicht reicht, um uns hinzulegen. Die Smartwatch zählt unsere Schritte, damit wir merken, dass wir im Kreis laufen. Sie misst den Puls, wenn die Steuerlast uns den Blutdruck hochtreibt, und lobt uns für 10.000 Schritte – die Hälfte davon im Amt auf der Suche nach Zimmer 3.14, das es nur donnerstags zwischen 9:07 und 9:11 gibt.

Über die Arbeit 

Man arbeitet, um zu leben, lebt, um zu arbeiten, und arbeitet dann nochmals, um die Arbeit zu rechtfertigen: Meetings über Meetings, in denen die Folie “Work-Life-Balance” mit 10-Punkt-Schrift erklärt, wie man mit 60 Stunden die 40-Stunden-Woche spürt. Der Lohn? Reicht, um den Kühlschrank zu füllen, die Motivation aber bleibt im Dispo. Am Monatsende sagt das Konto: “Charakterbildung statt Kapitalbildung.” Die Karriereleiter ist übrigens eher ein Hamsterrad mit Geländer.


Über die Steuer 

Der Staat ist wie ein großzügiger Onkel, der dir 100 Euro zum Geburtstag schenkt und später eine Rechnung über 120 schickt – mit freundlichen Grüßen und dem Hinweis, dass die Straßenlaterne vor deiner Haustür jetzt energieeffizienter flackert. Man zahlt Einkommensteuer, Mehrwertsteuer, Energiesteuer, CO₂-Preis und eine Abgabe auf das Gefühl, gerade genug verdient zu haben, um zu merken, dass es nicht genug ist. Steuern sind die Kunst, gemeinsam das zu finanzieren, worüber man sich dann im Stau aufregt.


Über den Straßenverkehr 

Die Straße ist ein mobiles Soziologie-Seminar: Alle sind zu langsam, außer einem selbst; alle sind rücksichtslos, außer einem selbst; und alle sind genervt – inklusive einem selbst. Die Ampelphasen wurden entworfen, um Geduld zu lehren, aber der Bus kommt immer dann, wenn die Smartwatch meldet: “Puls zu hoch, bitte atmen.” Radfahrende lernen Geometrie an SUV-Spiegeln, Autofahrende üben Tetris auf Parkplatzflächen, und die Bahn hält pünktlich – nur halt am falschen Bahnhof. Pendeln heißt: Du wohnst da, wo du schläfst, und lebst da, wo du arbeitest.


Über Konsum und Sinn 

Wir kaufen Dinge, um Zeit zu sparen, damit wir mehr Zeit haben, um Dinge zu kaufen. Minimalismus ist das neue Maximalismus: weniger besitzen, aber in Premium. Die Smartwatch teilt mit, dass unser Schlaf “mäßig” war – beruhigend, endlich eine Kennzahl für das diffuse Gefühl, seit 2016 müde zu sein. Und wenn die Watch merkt, dass wir traurig sind, empfiehlt sie: “Atemübung – oder 20% Rabatt auf neue Armbänder.”


Über Gesundheit 

Gesundheit ist, wenn die Schritte grün, der Schlaf blau und die Steuerbescheide noch ungeöffnet sind. Man trinkt Ingwerwasser gegen die Weltlage, Magnesium gegen Meetings und hofft, dass das nächste Update die Müdigkeit fixt. “Bitte heute 8.000 Schritte!” – kein Problem: 6.000 im Büro, 2.000 innerlich.


Über Politik 

Alle wollen die Mitte, niemand weiß, wo sie parkt. Die eine Hälfte verspricht Entlastung, die andere liefert Belege. Man debattiert über Brücken, die erst gebaut werden, nachdem sie gesperrt sind, und darüber, ob Digitalisierung ein WLAN-Passwort oder ein Glaubensbekenntnis ist. Am Ende gibt’s einen runden Tisch – quadratisch, praktisch, folgenlos.


Über das große Ganze Die drei großen Fragen bleiben:


Warum geboren? Damit jemand den Akkustand meldet.

Warum sterben? Damit wir aufhören, den Akkustand zu melden.

Warum Smartwatch? Damit zwischen “Hallo Welt” und “Licht aus” jemand piept, wenn wir das Atmen vergessen.

Und zwischendrin? 

Wir arbeiten zu viel für zu wenig, zahlen dafür ordentlich, stehen im Stau, zählen Schritte, streiten über Prozentpunkte und finden genau in den fünf Minuten, in denen das Licht schön fällt, den Moment, in dem alles Sinn macht: ein Lachen am Küchentisch, eine leere Straße im Morgengrauen, ein Kaffee, der ausnahmsweise nach Zukunft schmeckt. Die Watch summt: “Ziel erreicht.” Für einmal hat sie recht.


Die Brandmauer

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