Montag, 11. Mai 2026

Die große Hanta-Verschwörung – Eine Satire über Mensch, Maus und Maskenpflicht


Es begann, wie alle großen Katastrophen beginnen: mit einem Influencer und einem Selfie. Im Frühjahr, als die Welt gerade die letzte Corona-Maske in die Schublade „Erinnerungen an 2020“ legte, beschloss ein junger Foodblogger namens Kevin-Kai, dass die Menschheit dringend ein neues Superfood brauche. Quinoa war durch, Chiasamen zu langweilig, und Avocados hatten wegen ihres Wasserverbrauchs ein Imageproblem. Da entdeckte er auf einer Reise durch die Wälder Ostasiens eine kleine, pelzige Sensation: die Waldmaus.


„Proteinreich, nachhaltig, regional – und sooo süß!“, schrieb er unter sein erstes Video, in dem er eine Maus auf der Hand hielt und ihr ein Stück veganes Käseimitat anbot. Innerhalb von Stunden trendete der Hashtag #MouseMealChallenge. Millionen Menschen weltweit wollten plötzlich wissen, wie man Mäuse richtig zubereitet – roh, gebraten oder fermentiert.





Was niemand ahnte: Die Maus war nicht nur reich an Eiweiß, sondern auch an einem kleinen, unscheinbaren Bonus – dem Hantavirus. Ein Virus, das bis dahin friedlich in den Mäusepopulationen lebte und sich über die Dummheit der Menschen keine Sorgen machen musste. Doch dann kam TikTok.


Innerhalb weniger Wochen verbreitete sich das Virus schneller als ein Rabattcode für Desinfektionsmittel. Die ersten Symptome ähnelten – natürlich – einer „leichten Erkältung“. Gesundheitsministerien weltweit gaben beruhigende Pressekonferenzen: „Kein Grund zur Panik. Es ist nur eine Mausgrippe.“ Doch schon bald kursierten Videos von Menschen, die in Supermärkten Klopapier horteten, diesmal „für alle Fälle“.


Die Parallelen zur Corona-Pandemie waren unübersehbar. Wieder gab es Maskendebatten („Bringt das was gegen Mäusekot?“), Impfgegner („Das Virus ist eine Erfindung der Pharmaindustrie, um Käse zu verkaufen!“) und Hamsterkäufe – wobei der Begriff diesmal wörtlich zu nehmen war, denn Hamster   (Anmerkung der Redaktion Die Brandmauer: Hamster / Maus: Die selbe Gattung - andere Spezies - schmeckt aber gleich)

galten plötzlich als „natürliche Gegenspieler der Maus“.  



Wissenschaftler arbeiteten fieberhaft an einem Impfstoff, während Verschwörungstheoretiker behaupteten, Bill Gates habe die Mäuse persönlich gezüchtet. In Talkshows diskutierten Experten über die ethische Verantwortung von Influencern, während Kevin-Kai in einem Livestream beteuerte, er habe „nur das Bewusstsein für nachhaltige Ernährung fördern“ wollen.


Nach Monaten des Chaos, Lockdowns und einer kurzlebigen Modewelle für Ganzkörper-Mäuseanzüge („HantaCouture“) wurde schließlich ein Impfstoff gefunden – entwickelt von einem Team aus Virologen, Tierärzten und einem ehemaligen Käsehersteller. Die Menschheit atmete auf, schwor sich Besserung und versprach, nie wieder in die Natur einzugreifen.


Bis ein Jahr später ein neuer Trend auftauchte: #BatSmoothieChallenge.

Und irgendwo in einer Höhle grinste eine Fledermaus.

Freitag, 1. Mai 2026

Energieproblem - Chaotische Zustände beim Laden von E-Hexenbesen in der vergangenen Nacht

In der vergangenen Walpurgisnacht herrschte auf deutschen Höhenzügen wieder einmal akuter Strommangel – zumindest für jene, die traditionell per Besen anreisen. Seit der Umstellung auf E‑Hexenbesen, einem umweltpolitischen Prestigeprojekt des Hohen Hexenrates, knirscht es nämlich gewaltig im Ladesystem. Besonders deutlich wurde das gestern Nacht auf dem Brocken, wo sich Dutzende fluchende Zauberinnen um die zwei vorhandenen Schnellladesäulen stritten, von denen eine laut Augenzeugen „seit dem Dreißigjährigen Krieg ein gelbes Warnlämpchen zeigt“.




Der ADHBC (Allgemeiner deutscher HexenBesen Club) veröffentlichte am frühen Morgen einen Sonderbericht, in dem von „massiven Pannenserien aufgrund unzureichender Ladeinfrastruktur“ die Rede ist. Demnach seien allein zwischen Mitternacht und vier Uhr 147 E‑Hexenbesen im gesamten Bundesgebiet liegen geblieben. Die häufigsten Gründe: leere Akkus, falsch herum gehaltene Zauberstecker oder die inzwischen berüchtigte „Nachtkälte-Entladung“, die besonders Modelle des Herstellers BesenTech betrifft. Abschleppdienste meldeten Rekordzahlen: Ein Mitarbeiter berichtete, er habe „so viele Besen auf dem Haken gehabt wie sonst nur kaputte E‑Roller an einem Berliner Sommerwochenende“.

Auch die Polizei registrierte einen deutlichen Anstieg von Zwischenfällen. Laut vorläufiger Statistik gab es 38 Unfälle mit E‑Hexenbesen – darunter drei Auffahrunfälle im Luftraum über dem Harz, weil mehrere Hexen im „Eco‑Modus“ unterwegs waren und auf halber Strecke plötzlich erstarrten. Ein Beamter, der anonym bleiben möchte, sagte: „Wir empfehlen dringend, vor dem Abheben mindestens 80 % Akkuladung zu haben. Und bitte keine Zaubersprüche während des Fluges, die ziehen unnötig Energie.“

Besonders unter Druck standen in der Nacht die Energieversorger. Die Nordharzer Elektrizitätswerke teilten mit, man habe „alle verfügbaren Mitarbeiter in Extraschichten“ eingesetzt, um die Schwankungen im Netz abzufangen. Trotzdem sei es in manchen Regionen zu kurzzeitigen Engpässen gekommen: „Wir hatten zeitweise Belastungsspitzen, als hätte jemand gleichzeitig die gesamte Walpurgisnacht in 4K gestreamt.“ Ein Sprecher der Brockenstrom GmbH ergänzte, man arbeite bereits an einem Ausbau – plane jedoch frühestens bis 2033 verlässliche Hochgebirgslader für magische Kleinstfluggeräte.

Währenddessen diskutieren Hexenverbände über Alternativen: Mehr mobile Laderituale, Reservekräuterbatterien oder sogar die Rückkehr zu Hybridbesen mit klassischem Besenstielantrieb. Doch bis dahin dürfte es weiter ruckeln im nächtlichen Hexenverkehr. Auch Bibi Blocksberg meldete sich zu Wort: "Der Umstieg auf den E-Hexenbesen war der wohl größte Fehler meiner Hexenlaufbahn. Überall werden elektrische Anschlüsse genormt - nur beim Besen nicht"   

Denn eines zeigte die letzte Nacht sehr deutlich: Ohne ausreichend E‑Hexenbesen-Ladesäulen und einheitlicher Normen bei den Ladeanschlüssen bleibt der große Hexenauflauf am 1. Mai vor allem eines – ein Energiedrama mit Zauberhut.


Die Brandmauer

Mittwoch, 29. April 2026

Zuckersteuer schützt die Bürger vor sich selbst ...

 Die Bundesregierung erklärt stolz: Die neue Zuckersteuer schützt die Bürger vor sich selbst!“

Endlich, sagen viele, denn wer kennt es nicht: Man wacht morgens auf, greift verschlafen zur Cola, und plötzlich – zack – Diabetes, bevor der Kaffee überhaupt durchgelaufen ist.


Künftig kostet der Softdrink also ein paar Cent mehr. Das soll uns alle dazu bringen, endlich verantwortungsbewusst zu leben. Eine Zuckersteuer! Warum nicht gleich eine Steuer auf schlechte Laune oder ungebügelte Hemden - oder auf Dachziegel ? Vielleicht wird irgendwann auch der zweite Kuchen am Buffet automatisch vom Finanzamt registriert – ein freundliches Blinken: „Dieser Bissen wurde dem Staat gemeldet.“

Die Lobby der Süßwarenindustrie zeigt sich indes „tief besorgt“. Nicht etwa um die Bevölkerung, nein – um die Produktinnovationen. Wie soll man jetzt noch einen Riegel entwickeln, der zu 70 Prozent aus Zucker besteht und zu 30 Prozent aus Marketing? Man könne ja versuchen, Stevia reinzumischen, aber dann schmeckt der Riegel „nicht mehr authentisch“. Authentisch wie ein Zuckerschock eben.

Und die Bürger? Die stehen im Supermarkt und rechnen: „Okay, der Liter Cola kostet jetzt 20 Cent mehr… dafür spare ich auf lange Sicht vielleicht ein neues Knie.“
Andere wiederum wittern eine Verschwörung: „Erst nehmen sie uns den Zucker – als Nächstes verbieten sie Glück!“

Aber keine Sorge: Experten beruhigen bereits. Die Steuer werde zwar „verhaltenslenkend“ wirken, aber „in moderatem Maße“. Übersetzt heißt das: Wir zahlen mehr, konsumieren aber trotzdem. Eine perfekte Kombination aus moralischer Überlegenheit und zusätzlichem Staatseinkommen. Win‑win – nur nicht für den Blutzucker.


Die Brandmauer

Montag, 27. April 2026

Heute schon .... geblinkt ?

 



Der Blinker ist ja längst kein simples Fahrzeugteil mehr, sondern ein Symbol – für Hoffnung, Verzweiflung und die völlig überschätzte Idee, anderen mitzuteilen, was man vorhat. Während manche Menschen von Depressionen zerdrückt werden und sich fragen, wozu sie überhaupt noch aufstehen sollen, gibt es irgendwo in einem Werk für PKW diesen einen Arbeiter, der stoisch, beinahe heldenhaft, wieder einen Blinker in einen Neuwagen einbaut. Klack. Ein Licht geht auf – wenn schon nicht im Leben der Betroffenen, dann wenigstens am Kotflügel eines SUV. Trost kann so seltsam aussehen.


Und dann die datenschutzrechtliche Revolution: „Blinken? Es geht niemandem etwas an, wo ich hin will.“ Absolut richtig. Man ist schließlich kein offener Google-Maps-Eintrag, sondern ein souveräner Bürger, der seine Richtungsentscheidungen geheim hält wie eine Staatsaffäre. Der Blinker – offiziell fürs Abbiegen gedacht, praktisch aber die letzte Bastion persönlicher Freiheit.

Dabei ist das „Nichtblinken“ längst Volkssport. Ein gesellschaftliches Spiel, ähnlich wie Sudoku – nur mit höherem Adrenalinspiegel. Für die hinterherfahrenden Familien ist es eine wunderschöne Gelegenheit zur gemeinsamen Freizeitgestaltung. Papa fährt, Mama hält sich an der Kopfstütze fest, die Kinder kreischen: „Ich glaube links!“ – „Nein, rechts, rechts!“ – „Vielleicht fährt er einfach mitten rein!“ Es ist Qualitätszeit, wie man sie sonst nur aus Escape Rooms kennt. Ein Rätsel, das sich erst auflöst, wenn der Vorausfahrende abrupt abbremst und aus dem Stand eine spontane Sinneskrise in ein unangesagtes Abbiegen verwandelt.

Weitere fantastische Vorteile des Nichtblinkens:

• Man bleibt mysteriös – wer blinkt, verliert.
• Man spart Strom – wer weiß, vielleicht reicht es am Ende für die Sitzheizung.
• Man trainiert die Reaktionsfähigkeit anderer – echte Pädagogik auf der Straße.
• Man zeigt Dominanz: „Wenn ich abbiege, erfährst du es erst, wenn’s passiert.“

Und irgendwo, ganz weit entfernt vom realen Straßenverkehr, schraubt ein Arbeiter weiterhin gewissenhaft jedes einzelne Blinkergehäuse ins Auto. Ein stiller Held, dessen Werk dafür bestimmt ist, niemals benutzt zu werden. Ein Stück Hoffnung im globalen Chaos der Richtungsignoranz.

Die Brandmauer

Freitag, 24. April 2026

Panzer für Schwangere - Frauen und Kinder zuerst ...

 Die Bundeswehr vermeldet stolz ihren jüngsten Geniestreich: Spezialpanzer für schwangere Soldatinnen. Endlich, sagen die einen, denn nichts ruft „moderne Armee“ so laut wie ein zwölf Tonnen schweres Gefährt mit integrierter Hebamme. Kritiker fragen sich zwar, ob man werdende Mütter vielleicht auch einfach nicht in Gefechtszonen schicken könnte, aber das wäre natürlich viel zu unflexibel. Innovation beginnt schließlich da, wo der gesunde Menschenverstand längst kapituliert hat.





Die Panzer sollen laut Ministerium eine „Vereinbarkeit von Familie und Front“ ermöglichen. Innen gibt es angeblich alles: ausklappbare Wickelstation, gepanzerte Wiege, und – man höre und staune – eine „Gefechts‑Gynäkologie“. Der Steuerzahler zahlt das gern, denn wer hätte nicht schon immer davon geträumt, dass das Verteidigungsbudget zur Geburtsvorbereitung beiträgt?

Doch das Beste ist die Einsatzdoktrin: Im Ernstfall rollt die werdende Mutter im Panzer an die Front, gibt zwischen zwei Wehen noch ein, zwei taktische Befehle und fährt dann direkt in den Kreißsaal — mit Active Protection System gegen unfreundliche Glückwünsche.

Einige sagen: Das sei Satire. Die Bundeswehr sagt: „Warten Sie ab, die Ausschreibung läuft schon.“


Die Brandmauer

Donnerstag, 23. April 2026

Die Wahrheit über Autobahn Baustellen ....


Wer glaubt, eine Autobahnbaustelle sei dazu da, eine Autobahn zu reparieren, glaubt wahrscheinlich auch, ein Ministerium diene in erster Linie der Lösung von Problemen. Das ist niedlich, aber realitätsfern. Denn der wahre Zweck vieler Baustellen liegt längst offen zutage, man muss nur bereit sein, ihn zu sehen: Sie sind keine Orte des Bauens, sondern des Abstellens. Keine Werkstätten der Moderne, sondern Lagerflächen mit Warnblinklicht.




Der Staat sagt „Sanierungskorridor“, der Bürger sagt „Schon wieder einspurig“, und der Eingeweihte weiß: Irgendwo musste die Dampfwalze halt hin.

Das Grundproblem ist simpel. Straßenbauunternehmen haben Material. Sehr viel Material. Warnbaken, Schilderträger, mobile Lichtanlagen, Bauzäune, Fräsen, Walzen, Anhänger, Container, zwei halbdefekte Stromaggregate und mindestens einen Transporter, dessen TÜV nur noch aus Tradition gilt. Was sie nicht haben, sind ausreichend Stellflächen. Lagerhöfe kosten Geld, Gewerbeflächen sind knapp, und irgendwo zwischen Vergaberecht, Ausschreibung, Zuständigkeit und dem deutschen Kulturgut „Das haben wir schon immer so gemacht“ kam man offenbar zu einer bestechend einfachen Lösung: Wenn man das Zeug auf dem eigenen Hof nicht mehr unterbringt, erklärt man eben einen Abschnitt der Autobahn zur Baustelle und stellt es dort ab.

So wird aus Platzmangel Infrastrukturpolitik.

Das Schöne daran ist ja die Eleganz der Maßnahme. Eine Lagerhalle wirft Fragen auf. Eine gesperrte Spur mit 80er-Limit dagegen wirkt seriös. Sie hat etwas Amtliches. Etwas Unangreifbares. Wer wollte sich schon gegen eine Baustelle stellen? Gegen Fortschritt? Gegen Investitionen? Gegen die Zukunft des Standorts? Also steht der Bürger morgens im Stau, blickt auf 6,4 Kilometer verengte Fahrbahn und denkt: Wenigstens wird hier etwas gemacht. Tatsächlich wird dort vor allem eines gemacht: geparkt.

Und zwar nicht schlecht. Deutschland hat das Abstellen von Straßenbaumaterial zu einer eigenen Choreografie entwickelt. Zuerst kommen die Vorboten: das Gefahrzeichen, dann Tempo 80, dann 60, dann Überholverbot, dann eine Warnleuchte, dann eine weitere, dann 400 Meter nichts. Danach drei Warnbaken in loser Formation, als hätten sie sich zu einem Betriebsausflug verabredet. Dann ein Schilderwagen. Dann wieder nichts. Dann, irgendwo am Horizont, majestätisch und vollkommen unberührt: eine Dampfwalze. Nicht im Einsatz, nicht warm, nicht einmal sichtbar beschäftigt. Sie steht einfach nur da, als sei die Autobahn ein kostenloser Stellplatz für schweres Gerät.

Und genau das ist sie inzwischen offenbar.

Nehmen wir Rüdiger, Straßenbauarbeiter, 54, ein Mann mit der emotionalen Farbpalette von Fräsgut und dem aufrechten Gang eines Menschen, der seit drei Jahrzehnten morgens um halb sechs Maschinen startet, die älter sind als mancher Abteilungsleiter. Rüdiger ist kein Träumer. Rüdiger ist Pragmatiker. Wenn irgendwo eine Spur gesperrt wird, fragt er nicht „Warum?“, sondern „Für wie lange?“ und „Steht da schon was drauf?“

Eines Morgens ruft der Chef ihn ins Büro. Also nicht direkt ins Büro, eher in einen Raum mit Kaffeemaschine, Wandkalender von 2019 und einem Tisch, auf dem Baupläne so lange liegen, bis sie historischen Wert bekommen.

„Rüdiger“, sagt der Chef und blickt dabei in eine Mappe, die vermutlich leer ist, aber wichtig aussieht, „fahr mal auf die A4x zwischen Kilometer 19,4 und 28,6 und hol die Dampfwalze und die Warnbaken. Die stehen da noch von letzter Woche. Und wenn du den kleinen Schilderanhänger siehst, nimm den auch mit. Wir brauchen Platz für die Fräse.“

Dieser eine Satz erklärt das ganze Wesen deutscher Infrastruktur besser als hundert Regierungserklärungen. Nicht die Straße braucht die Baustelle. Die Baustelle braucht die Straße.

Rüdiger fährt los. Nicht zu einem Einsatzort, sondern zu einem Außenlager mit Asphaltanschluss. Auf dem Weg dorthin quält sich der Berufsverkehr durch jene künstlich verengte Trasse, die offiziell der Verkehrssicherheit dient, praktisch aber vor allem sicherstellt, dass niemand zu dicht an den abgestellten Geräten vorbeifährt. Auch Ordnung muss schließlich sein. Deutschland ist vielleicht nicht mehr überall Weltspitze, aber wenn es darum geht, stillstehende Maschinen mit maximalem Beschilderungsaufwand zu umwehen, macht uns so schnell keiner etwas vor.

Vor Ort bietet sich das gewohnte Bild. Eine kilometerlange Baustellenführung, sauber eingerichtet, präzise beschildert, mit Leitbaken in einer Dichte, als rechne man jederzeit mit dem Durchmarsch einer mittelgroßen Armee. Dahinter: eine Dampfwalze, 43 Warnbaken, zwei zusammengefaltete Absperrgitter, ein alter Schilderträger und ein Baustellenfahrzeug, das so lange unbewegt dort steht, dass es wahrscheinlich schon in lokalen Vogelzugkarten als Orientierungspunkt auftaucht.

Ein Schild verkündet: „Straßenbauarbeiten“.

Das ist die sprachliche Meisterleistung des Ganzen. „Straßenbauarbeiten“ kann in Deutschland alles bedeuten. Es kann heißen: Hier wird gebaut. Es kann heißen: Hier wird bald gebaut. Es kann heißen: Hier wurde neulich mal etwas vermessen. Es kann aber auch heißen: Hier stehen seit acht Tagen Maschinen herum, weil der Bauhof voll ist und niemand weiß, wohin mit dem Zeug. Verwaltungssprache ist eben die hohe Kunst, ein Platzproblem wie ein Modernisierungsprojekt aussehen zu lassen.

Rüdiger steigt aus, zählt die Warnbaken durch und murmelt: „Zwei fehlen.“
Der Kollege am Telefon sagt: „Dann guck mal weiter hinten bis Kilometer 28,6. Da müsste noch ein Rest von der Winterbaustelle stehen.“
Eine Winterbaustelle. Ende April. Natürlich. In Deutschland verwittern Baustellen nicht, sie reifen.

Man muss dem System fast Respekt zollen. Andere Länder lagern Material in Depots. Deutschland lagert Hoffnung im öffentlichen Raum. Jede Baustelle verspricht unterschwellig, dass sich hier bald etwas verbessert. Dass investiert wird. Dass der Staat handelt. Dass die Dinge vorangehen. Und während der Bürger sich mit dieser Erzählung tröstet, steht hinter der Absperrung ein Schilderwagen, den seit vier Wochen niemand angefasst hat.

Politisch ist das eigentlich genial. Eine echte Lösung für marode Infrastruktur wäre teuer, langwierig und messbar. Eine Baustelle dagegen ist sofort da, sichtbar, fotogen und bei Bedarf beliebig verlängerbar. Sie symbolisiert Tätigkeit, ohne deren Ergebnis voreilig vorwegzunehmen. In der Politik nennt man so etwas inzwischen vermutlich Prozessoffenheit.

Die Baustelle ist damit das perfekte Sinnbild moderner Verwaltung: maximaler Eingriff bei minimaler Erkennbarkeit des Nutzens. Der Verkehr wird eingeschränkt, die Geduld der Bürger beansprucht, Steuergeld fließt, Schilder stehen, Fahrzeuge rollen an und ab — und doch bleibt die eigentliche Leistung oft so unsichtbar, dass man nicht weiß, ob hier gearbeitet, geplant oder lediglich zwischengeparkt wird.

Gerade deshalb lieben Institutionen Baustellen so sehr. Sie sind der gebaute Konjunktiv des Staates. Nicht die fertige Straße zählt, sondern die glaubhafte Behauptung, man sei dran.

Rüdiger weiß das alles natürlich nicht in diesen Worten, aber er versteht es instinktiv. Er lädt die Dampfwalze auf, stapelt die Warnbaken zusammen und meldet sich beim Chef.

„Hab alles. Wohin damit?“
Kurze Pause. Rascheln. Irgendwo wird ein Keks gegessen.
„Stell die Walze erstmal auf die B-Umfahrung hinterm Kreuz. Da ist noch ein alter Baustellenabschnitt aktiv. Die Baken kannst du auf der A4x lassen, wir brauchen die vielleicht nächste Woche wieder. Oder morgen. Je nachdem, ob der Prüfer kommt.“

Das ist der eigentliche Kern der Sache: Baustellen sind nicht mehr Ergebnis von Arbeit, sondern Voraussetzung für Materialunterbringung, Prüfungsfestigkeit und institutionelles Wohlbefinden. Sie sind die Mehrzweckhalle des Straßenbaus. Man kann dort lagern, sichern, parken, anordnen, dokumentieren und bei Bedarf sogar kurz arbeiten, falls jemand von oben fragt.

Natürlich wird offiziell niemand sagen: „Wir haben die rechte Spur der A4x gesperrt, weil wir auf dem Hof keinen Platz mehr für die Dampfwalze hatten.“ Man wird von Maßnahmenpaketen sprechen, von vorbereitenden Eingriffen, von temporären Verkehrsführungen, von logistischen Erfordernissen im Bauablauf. Das klingt besser und hat den Vorteil, dass sich niemand darunter konkret etwas vorstellen kann. Wo Sprache unverständlich genug wird, beginnt in Deutschland die Unangreifbarkeit.

Am Ende bleibt der Autofahrer zurück, leicht verspätet, leicht wütend und leicht benebelt vom orangefarbenen Dauerfeuer des öffentlichen Raums. Er sieht Maschinen, Schilder, Baken, Absperrungen und fragt sich, warum auf elf Kilometern kein einziger Mensch arbeitet. Die Antwort wäre entwaffnend ehrlich: Weil das hier heute keine Baustelle im klassischen Sinn ist. Das hier ist eine Art gewerbliche Zwischenlagerung mit Tempolimit.

Und morgen, wenn das nächste Unternehmen feststellt, dass hinter Halle 2 schon wieder kein Platz mehr ist, wird irgendwo eine weitere Spur verschwinden. Ein neues Schild wird aufgestellt. Eine neue Kolonne wird ausgebremst. Ein neuer Abschnitt wird offiziell „in Maßnahme“ sein. Und wieder wird der Bürger denken, jetzt gehe es endlich voran.

Während Rüdiger auf der A4x zwischen Kilometer 19,4 und 28,6 den Motor abstellt, die letzten Warnbaken sortiert und vom Chef den nächsten Auftrag bekommt:

„Hör mal, Rüdiger — wenn du schon da bist, guck bitte auch nach der alten Fräse. Die müsste noch hinter der Behelfsbeschilderung stehen. Und falls auf der Gegenfahrbahn Platz ist, stellen wir den Radlader auch noch rüber. Aber mach ordentlich Baustelle draus. Nicht, dass es am Ende aussieht, als würden wir da nur unser Zeug lagern.“


Die Brandmauer

Dienstag, 21. April 2026

Denk Mal ...




Früher war die Welt offenbar für Menschen mit Resthirn gebaut: In der Bedienungsanleitung stand, wie man das Ventilspiel am Fahrzeug einstellt. Heute steht drin, dass man den Inhalt der Batterie bitte nicht trinken soll. Der technische Fortschritt ist geblieben – nur der Zielgruppenwechsel ist brutal.

Auch die Hinweise sind nicht mehr das, was sie mal waren. Die Feuerwehr muss inzwischen ernsthaft empfehlen, im Brandfall zuerst das Haus zu verlassen, bevor man seinen aktuellen Status im Social Network teilt. Prioritäten, wie sie das Internet erzogen hat: erst „Es brennt lol 🔥“, dann vielleicht Fluchtversuch.
Und natürlich der kulinarische Endgegner der Gegenwart: der Warnhinweis im Fast-Food-Laden, dass der Burger heiß ist. Gut, dass das dabeisteht. Nicht auszudenken, jemand würde sonst völlig überrascht feststellen, dass ein frisch zubereitetes warmes Gericht… warm ist.
Man bekommt langsam den Eindruck, der Mensch entwickelt sich technisch nach vorn und geistig rückwärts. Früher konnte man mit einem Schraubenschlüssel, einem Handbuch und gesundem Menschenverstand durchs Leben gehen. Heute braucht es drei Warnaufkleber, zwei Sicherheitshinweise und vermutlich ein Tutorial, damit keiner versucht, den Föhn mit unter die Dusche zu nehmen.

Die Brandmauer

Wird die Tragfähigkeit der oft erwähnten Regenbogenbrücke eigentlich auch überprüft ???

Es war einmal die berühmte Regenbogenbrücke, ein ehrwürdiges Bauwerk zwischen den Welten. Seit Generationen überquerten Hunde, Katzen, Kanin...