Donnerstag, 15. Oktober 2026

Wenn die Pointe dreimal zurücksetzt

 

Ein Lkw, eine Simson und die Frage, ob Satire noch bremsen kann

Ein Kommentar über Jan Böhmermanns umstrittenen Moped-Einspieler, die Lust an der maximalen Provokation und eine Empörungsmaschine, in der inzwischen alle Seiten zuverlässig mitfahren.

Jan Böhmermann fährt auf einer himmelblauen Simson über die Landstraße, ein Lastwagen erfasst ihn und setzt anschließend mehrfach zurück. Die Ähnlichkeit zum Wahlkampfauftritt des AfD-Politikers Ulrich Siegmund auf einem solchen Moped war kaum zu übersehen. Das ZDF erklärte dagegen, der Einspieler habe keinen Bezug zu einer bestimmten Person. Vermutlich war auch die Simson nur zufällig blau und das Ganze eine liebevolle Dokumentation über den toten Winkel.

Natürlich darf Satire übertreiben. Sie darf geschmacklos sein, provozieren und sogar dort hinfahren, wo der politische Kommentar längst keinen TÜV mehr bekommt. Aber nicht jede drastische Szene wird automatisch zur klugen Satire, nur weil anschließend jemand "Kunstfreiheit" auf die Motorhaube schreibt. Manchmal ist eine grobe Pointe eben nur eine grobe Pointe - selbst wenn sie aus einem öffentlich-rechtlichen Fuhrpark stammt.

Der Einspieler setzt offenbar auf eine einfache Gleichung: bekanntes politisches Symbol plus tödliche Bildsprache gleich maximale Aufmerksamkeit. Das funktioniert hervorragend. Über Inhalte wird kaum gesprochen, über die Szene dagegen umso mehr. Der Lastwagen überrollt somit nicht nur ein Moped, sondern auch jede Chance auf eine differenzierte Debatte.

Besonders unbeholfen wirkt die Verteidigung, die Darstellung habe mit keiner konkreten Person zu tun. Diese Ausrede erinnert an einen Karikaturisten, der Friedrich Merz mit Namensschild zeichnet und anschließend erklärt, gemeint sei ein beliebiger deutscher Hobbyflieger. Satire lebt von erkennbaren Bezügen. Wer den Bezug für die Pointe braucht, kann ihn nach dem Skandal nicht plötzlich im Handschuhfach verstecken.

Die Empörung fährt kostenlos mit

Für die AfD ist der Vorgang ein politischer Volltreffer, obwohl sie selbst gar nicht geschossen hat. Sie kann sich als Opfer einer kulturellen Elite darstellen, Spendenaufrufe verschicken und ihren Anhängern erklären, das öffentlich-rechtliche Fernsehen wünsche politische Gegner am liebsten unter die Räder. Eine elegantere Wahlkampfhilfe hätte man kaum produzieren können.

Auch die Gegenseite bekommt, was sie benötigt: einen neuen Beweis dafür, dass rechte Akteure angeblich keinen Spaß verstünden. So entsteht das vertraute Ritual. Erst wird maximal zugespitzt, dann maximal empört und schließlich so getan, als hätte niemand mit der Reaktion rechnen können. Am Ende besitzen alle einen Ausschnitt für soziale Medien, aber niemand einen neuen Gedanken.

Böhmermanns Stärke lag einmal darin, die Mechanismen von Medien, Politik und digitaler Erregung bloßzulegen. Hier scheint er ihnen eher als zuverlässiger Zulieferer zu dienen. Die Provokation ist nicht Nebenwirkung, sondern Geschäftsmodell: Man wirft ein möglichst lautes Bild in die Öffentlichkeit und beobachtet anschließend, wie Kritiker, Fans und Boulevard gemeinsam Reichweite erzeugen.

Das Problem ist nicht das Dürfen

Der Einspieler muss nicht verboten werden. Ein Verbot würde aus einer fragwürdigen Pointe nur einen Märtyrer der Kunstfreiheit machen. Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob eine Satire, die symbolisch mit dem Tod eines erkennbaren politischen Gegners spielt, ihren Gegenstand wirklich trifft - oder bloß dessen Opfererzählung stärkt.

Satire sollte nach oben treten, Machtverhältnisse sichtbar machen und Widersprüche freilegen. Sie darf dabei brutal sein. Doch wenn die Analyse durch einen Lastwagen ersetzt wird, bleibt vor allem eine Pose zurück: Seht her, wir trauen uns etwas. Mutig ist daran wenig. Im eigenen Studio die größtmögliche Provokation zu inszenieren und die erwartbare Kritik anschließend als Humorlosigkeit abzutun, ist ungefähr so riskant wie ein Stunt mit Vollkaskoversicherung.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Darf Satire das? Sie lautet: War das klug, treffend und politisch wirksam? In diesem Fall lautet die Antwort eher: laut, kalkuliert und erstaunlich bequem.

Vielleicht war der Einspieler also weniger Satire über einen AfD-Politiker als unfreiwillige Satire über den gegenwärtigen Medienbetrieb. Vorne fährt die Provokation, hinten folgt die Empörung, und dazwischen liegt die Subtilität auf der Straße. Sicherheitshalber setzt der Lkw noch einmal zurück.

Samstag, 26. September 2026

Pornos verbieten - rettet das Handwerk!

Es ist höchste Zeit, über die wohl gefährlichste Fehlinformation im Internet zu sprechen: Pornos vermitteln jungen Menschen ein völlig unrealistisches Bild von der Verfügbarkeit von Handwerkern.



Da genügt offenbar ein tropfender Wasserhahn, und wenige Minuten später steht ein gut gelaunter Klempner vor der Tür. Ohne Termin. Ohne Anfahrtspauschale. Und mit sämtlichen Ersatzteilen dabei. In der Realität erhält man frühestens nach dem dritten Anruf die beruhigende Auskunft: "Wir könnten Ihnen im November ein Zeitfenster zwischen 7 und 19 Uhr anbieten."
Auch Elektriker werden völlig falsch dargestellt. Im Film klingeln sie einfach an der Tür. Im echten Leben gelten sie längst als scheue Fabelwesen. Man findet gelegentlich Spuren von ihnen: einen Sicherungskasten, eine halb montierte Steckdose oder eine Rechnung mit der geheimnisvollen Position "Kleinmaterial". Eine direkte Sichtung ist jedoch selten.
Besonders problematisch ist das vermittelte Berufsbild: Handwerker erscheinen immer pünktlich, arbeiten allein und haben niemals einen anderen Auftrag. Kein Wort darüber, dass der Meister gerade auf einer Großbaustelle ist, der Geselle Urlaub hat und das benötigte Bauteil seit sechs Wochen im Rückstand liegt.
Die Folgen sind dramatisch. Junge Menschen wachsen mit der Erwartung auf, bei einem Rohrbruch müsse man nur kurz anrufen. Manche glauben sogar, ein Handwerker käme noch am selben Tag. Pädagogen warnen bereits vor einem vollständigen Verlust des Realitätsbezugs.
Deshalb fordern wir: Pornos erst ab 18 oder noch später - und vorher verpflichtende Aufklärung durch die örtliche Handwerker Innung. Jeder Film muss mit einem Warnhinweis beginnen:
Die gezeigte Terminvergabe ist frei erfunden.
Tatsächliche Wartezeiten können mehrere Wochen betragen.
Denn Fantasien sind erlaubt. Aber bei sofort verfügbaren Handwerkern hört der Spaß auf.

Montag, 7. September 2026

Der große Merz-Halbierungstag


KI generiert: Die Brandmauer kippt


Sachsen-Anhalt wagte den Sprung in die Zukunft – und landete im 21. Jahrhundert. Na ja, fünf Jahre lang. Am Tag nach der Landtagswahl lässt sich ein wundersamer Zahlenzauber beobachten: Die AfD stand bei 37 Prozent, Jähresbilanz der Union bei 37 Kilo Gewichtsverlust. Aber lassen Sie sich nicht täuschen – das ist kein Zufall, das ist  persönliche Lebensphilosophie: Halbierung als Spielart der Nähe.

Die Union wollte die AfD halbieren, sie wollte analog betreiben, was sonst nur Grüne mit Demokratie wagen. Mail ab an Merz: Ihre eigene Partei hat das Verfahren mittlerweile mit 49 Prozent vorweggenommen. Das heißt nicht, es mangelt an Demokratieverständnis – es mangelt nur noch an Demokraten, die dafür eintreten. Man müsste fast den Eindruck gewinnen, Merz hat mit seiner Halbierungstaktik eigenhändig eine SPD der 1930er aus seinem eigenen Verein herauskultiviert. Oder besser: eine Partei mit der Substanz einer Pappteller-Pizza bei Hochwasser.

In Sachsen-Anhalt fliehen die etablierten Talkshowgäste vor der eigenen Brandmauer wie Mäuse vor einem Quadratmeter Käse mit Schimmel. Die CDU droht, die Neuauflage der Zentrumspartei zu werden – nur ohne Zentrum und ohne politische Partei. Selbst der Fraktionszwang bewirkt inzwischen nicht mehr, dass die eigenen Leute wissen, wo rechts ist. Aber wozu auch? In einem Parlament, in dem die AfD die größte Kraft ist, hat der Begriff „rechts“ längst seinen moralischen Kompass an die Wandfahne verloren.

Merz selbst erklärte seine Niederlage mit den „besonderen Umständen in Ostdeutschland“. Gemeint: Menschen, die keine Lust mehr haben, sich 35 Jahre lang von der gleichen Partei erklären zu lassen, dass ihre Probleme gar nicht existieren. Ein innovativer Ansatz, der in der Geschichte der Politik bisher nur durch den Wiederaufbau des römischen Reiches übertroffen wurde – ebenfalls unter dem Motto: Wenn alle rebellieren, erkläre ich es für Provinz.

Die wahre Ironie aber liegt im Detail: Die Brandmauer war ursprünglich dafür gedacht, die Demokratie zu schützen. Heute schützt sie CDU-Ressentiments vor dem Wähler. Sie trennt etwa so erfolgreich wie eine Glastür im Sommer – alle sehen durch, niemand kommt ran, und wenn man zu sehr drückt, fällt sie einem auf den Fuß. Wer gegen die Wand rennt, stellt fest: Die Mauer lehnt sich seitwärts. Und zwar in die Richtung, aus der gerade niemand mehr kommt.

In den Ländern, wo die AfD regiert, werden jetzt Fachkräfte ausgebildet: im Brandmauerabbau. Arbeitsmarktpolitische Innovation im 21. Jahrhundert. Denn nichts schafft so viele Jobs wie ein Konzept, das niemand durchschaut, aber alle mittragen. So entsteht die Freiheit, die die CDU sich immer erträumt hatte: keine Opposition mehr, kein Widerspruch, nur noch der sanfte Klang eigener Reden in leeren Sälen. Ein Landtag wie ein Wellness-Retreat – komplett ohne Gäste.

Aus rein akademischer Sicht ist der Merz-Effekt erstaunlich: Noch nie zuvor ist eine Partei so schnell so erfolgreich daran gescheitert, die Konkurrenz zu verkleinern, während sie selbst schrumpfte. Das ist nicht mehr Politik, das ist Performance Art. Die Leinwand heißt Deutschland, die Farbe heißt Wahlrot, und die Signatur ist ein Fragezeichen.

Er, der Kanzler,  ist immer noch überzeugt, dass Die-hard-Wähler „nur verunsichert“ sind. Eine charmante Lesart, die man auch beim Bäcker anwendet, wenn das Brot nicht aufgeht: Der Ofen war zu kalt, der Teig zu warm, der Kunde zu hungrig. Sachsen-Anhalt beweist: Die Brandmauer hält stand – nämlich davor, bei Abstimmungen den Wählern ins Gesicht zu sehen.

Zukunftsmusik: Wenn die Union so weiter halbiert, können wir Ende 2027 mit einer vierprozentigen CDU rechnen, deren gesamter Parteivorstand in einem VW-Up reist. Brandenburg wird dann von einer guten Wurstbude und einem verbitterten FDP-Mann regiert. Und Friedrich Merz? Er hält eine Rede vor leeren Sitzen und schwört auf die Kraft der Inhalte, die irgendwo seit 2019 verlegt wurden – vermutlich neben der Verfassung, in der Schublade mit den guten Vorsätzen.

Die Demokratie ist robust, sagen sie. Sachsen-Anhalt zeigt: Sie ist robust wie ein Pappkamerad im Sturm. Solange man nicht zu genau hinschaut, steht sie. Drückt man mit dem Zeigefinger – wen auch immer das symbolisiert – neigt sich das Ganze. Und die, die dahinter standen, fliehen. In alle Richtungen. Außer der, von der sie gekommen sind.

Dienstag, 25. August 2026

Deutschland, Land der Dichter und Denker? Das war einmal - Heute sind wir offenbar das Land der Ficker und Beklebten.

Wer aufmerksam durch deutsche Städte läuft, entdeckt auf Ampeln, Laternen, Parkbänken, Mauern und Verkehrsschildern eine bemerkenswert eintönige Artenvielfalt: F*CK, gefolgt vom Namen einer Partei, Organisation, politischen Richtung oder sonstigen Gruppe, die gerade zum öffentlichen Fick freigegeben wurde. Mal klebt die Aufforderung allein, mal in Rudeln, manchmal sogar übereinander - als müsse erst demokratisch ausgeklebt werden, wer nun wen und in welcher Reihenfolge zu ficken hat.



An jeder Ecke soll irgendjemand gefickt werden. Links fickt rechts, rechts fickt links, die Mitte fühlt sich übergangen, und irgendein Laternenmast trägt inzwischen so viele konkurrierende Fickbefehle, dass er wahrscheinlich selbst nicht mehr weiß, welcher Gesinnung er angehört. Der politische Diskurs ist damit endlich auf zwei Bestandteile reduziert: ein englisches Verb und ein Feindbild.

Doch das System hat einen gravierenden Mangel: Was macht ein Mensch, der zwar gerade Lust zu ficken hat, dem aber ausgerechnet der vorgeschlagene Empfänger zuwider ist? Soll er entgegen seiner Überzeugung handeln? Soll er unverrichteter Dinge nach Hause gehen? Oder kilometerweit durch die Stadt laufen, bis endlich ein Schildchen mit einem persönlich kompatiblen Fickziel auftaucht?

Das kann in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht die Lösung sein.

Darum braucht Deutschland dringend eine bundesweit koordinierte Fickordnung. Jeder soll sich unbürokratisch aussuchen dürfen, wen er verbal ficken möchte - unabhängig von Herkunft, Weltanschauung, Parteibuch oder der Frage, wer zuerst auf der Laterne klebte. Niemand darf bevorzugt, niemand benachteiligt und schon gar niemand vom allgemeinen Fickbetrieb ausgeschlossen werden. Schließlich ist das Recht auf freie Entfaltung im Grundgesetz verankert - jenem Grundgesetz, das hier und da ebenfalls bereits gefickt wird.

Für alle, die sich angesichts des riesigen Angebots nicht entscheiden können, gibt es nun die konsequent inklusive Einheitslösung:

Dieser Aufkleber beendet die mühsame Suche nach dem passenden Gegner.

F*ck  d*ch  Ein*ach  al*e

Er verzichtet auf einseitige Bevorzugung, verhindert Benachteiligung und behandelt wirklich alle gleich schlecht. Keine Organisation wird vergessen, keine Partei privilegiert, keine Strömung ausgegrenzt.

Ein Aufkleber für alle. Gegen alle. Und damit vermutlich der ehrlichste Beitrag zur deutschen Gleichbehandlung, der je an einer Laterne klebte.


Satire darf alles - Aufkleber dürfen trotzdem nicht überall kleben - also bitte nur auf eigenen oder ausdrücklich freigegebenen Flächen verwenden.

Die Brandmauer

Montag, 24. August 2026

Das Schnitzel, das nur Bares wollte

 


Als Herr Möller an einem Dienstagabend das Restaurant "Zum digitalen Rückstand" betrat, ahnte er nicht, dass er an diesem Ort weniger zum Gast als zum Teilnehmer eines historischen Rollenspiels werden würde.

Das Lokal war zeitgemäß eingerichtet. Reserviert wurde über eine App. Die Speisekarte gab es ausschließlich per QR-Code. Die Bestellung tippte der Kellner in ein Tablet, das sie über WLAN direkt an die Küche übermittelte. Auf Instagram war das Restaurant täglich aktiv, und auf der Toilette bat ein elektronischer Seifenspender um eine Bewertung.

Nur beim Bezahlen begann plötzlich das Jahr 1987.

"Mit Karte, bitte", sagte Herr Möller.

Der Kellner erstarrte, als hätte der Gast darum gebeten, das Schnitzel mit Bitcoin, Briefmarken und einem lebenden Huhn zu begleichen.

"Kartenzahlung haben wir leider nicht mehr."

"Nicht mehr?"

"Zu teuer. Zu kompliziert. Zu unpersönlich."

Dabei strich er liebevoll über das Tablet, auf dem gerade eine Push-Nachricht des digitalen Reservierungssystems aufleuchtete.

Herr Möller zeigte auf das Fenster. Dort klebten sieben Aufkleber: Lieferdienst, Bewertungsportal, WLAN, Instagram, TikTok, Online-Reservierung und "Folge uns für aktuelle Angebote".

Nur der achte Aufkleber fehlte: Wir akzeptieren Zahlungsmittel dieses Jahrhunderts.

Die deutsche Bargeldoperette

In Deutschland wird das Bargeld nicht einfach benutzt. Es wird kulturell verehrt. Der Zehneuroschein ist hier kein Zahlungsmittel, sondern ein Stück Heimat. Er raschelt wie der Wald, riecht wie eine Steuererklärung und hinterlässt keinerlei digitale Spuren - außer natürlich in der Buchhaltung, sofern er dort zufällig vorbeikommt.

Die Behauptung, immer mehr Restaurants akzeptierten keine Karte mehr, lässt sich statistisch allerdings nicht als allgemeiner Trend belegen. Im Gegenteil: Die Bundesbank stellte für 2023 fest, dass die Akzeptanz bargeldloser Zahlungen in der Gastronomie gegenüber 2021 um rund 20 Prozentpunkte gestiegen war. Insgesamt waren unbare Zahlungsmittel bei 81 Prozent der untersuchten Vor-Ort-Transaktionen möglich. Das Problem ist also weniger ein flächendeckender Rückzug als eine besonders sichtbare und erstaunlich hartnäckige Minderheit von Betrieben, die Kartenzahlung weiterhin wie eine vorübergehende Mode aus Amerika behandelt. 

Deutschland bleibt dennoch auffällig bargeldaffin. 2023 wurden hier 50,5 Prozent aller erfassten Zahlungen bar beglichen. Debitkarten kamen auf 27,5 Prozent, Kreditkarten auf 5,7 Prozent und mobiles Bezahlen auf etwa 6 Prozent. Gemessen am Umsatz sah die Sache schon anders aus: Bargeld stellte nur 25,9 Prozent des Wertes dar. Der Deutsche zahlt also den Kaffee gern mit Münzen, den Kühlschrank aber lieber ohne Schubkarre.  (Das sagt die Deutsche Bundesbank)

Eine kleine Europareise

Herr Möller hatte nach dem Essen 47,80 Euro zu bezahlen. Da er nur zwölf Euro Bargeld besaß, schickte ihn der Kellner zu einem Geldautomaten.

Auf dem Weg dorthin dachte Herr Möller an die Niederlande. Dort wurden 2024 nur noch 22 Prozent der Zahlungen an physischen Verkaufsstellen bar erledigt. In Finnland waren es 27 Prozent. Im gesamten Euroraum lag der Bargeldanteil dagegen bei 52 Prozent; Karten erreichten 39 Prozent und mobile Geräte 6 Prozent - zumindest wenn man der europäischen Zentralbank seinen Glauben schenkt.

In Amsterdam hätte Herr Möller vermutlich sogar eine einzelne Tulpe kontaktlos bezahlt. In Helsinki möglicherweise eine Zimtschnecke, ohne vorher eine Filiale seiner Bank aufsuchen zu müssen. In Deutschland hingegen wanderte er nachts durch drei Straßen, um für ein digital bestelltes Schnitzel analoges Papier zu organisieren.

Das ist die große deutsche Synthese aus Tradition und Technologie:

  • Der Tisch wird online gebucht.
  • Das Menü wird mit dem Smartphone gelesen.
  • Die Bestellung wandert über die Cloud.
  • Die Rechnung wird mit einem Kugelschreiber geschrieben.
  • Bezahlt wird mit einem Material, das zuvor aus einer Wand gezogen werden muss.

Die deutsche Digitalisierung funktioniert eben hervorragend - bis Geld ins Spiel kommt.

Die Argumente des Hauses

Zurück im Restaurant erklärte der Wirt persönlich, warum Karten unerträglich seien.

"Die Gebühren", sagte er bedeutungsschwer.

Kartenzahlung kostet den Betrieb tatsächlich Geld: Terminal, Zahlungsabwicklung und je nach Anbieter und Kartenart unterschiedliche Entgelte. Das ist ein legitimer Kostenfaktor. Allerdings verursachen auch Bargeldannahme, Kassenführung, Wechselgeld, Zählfehler, Transporte, Bankwege und Diebstahlrisiken Kosten. Bargeld ist nicht kostenlos; seine Rechnung trägt nur keinen praktischen QR-Code.

"Und wenn das Internet ausfällt?", fragte der Wirt.

"Was passiert dann mit Ihrer digitalen Speisekarte?"

Der Wirt blickte Herrn Möller an, als hätte dieser die Geschäftsgrundlage der Bundesrepublik angegriffen.

"Außerdem", sagte er, "wünschen unsere Gäste Bargeld."

Das stimmte teilweise: Laut Bundesbank bevorzugten 2023 noch 24 Prozent Bargeld. Zugleich zahlten 44 Prozent lieber elektronisch. Trotzdem besitzt der Bargeldwunsch in manchen Restaurants ein Vetorecht, während der Kartenwunsch als charakterliche Schwäche des Gastes gilt. 

Und dann gibt es noch jenen Verdacht, den niemand laut äußern möchte, weil plötzlich alle sehr intensiv die Servietten falten: Bargeld ist diskret. Es verrät nichts über den Gast - und bei unsauberer Kassenführung gelegentlich auch nichts über den Umsatz. Das ist kein Beweis gegen bargeldlose Restaurants, sondern lediglich der Grund, weshalb der Satz "Nur Barzahlung" beim Publikum mitunter mehr Fantasie auslöst als die Dessertkarte.

Währenddessen auf dem Planeten Erde

Während Herr Möller seinen Geldschein übergab, rückte die Welt weiter in Richtung elektronischer Zahlungen.

Allein im Euroraum gab es im ersten Halbjahr 2025 44 Milliarden Kartenzahlungen - 9,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Davon waren 29,6 Milliarden kontaktlos; diese Zahl war binnen Jahresfrist um 12,8 Prozent gestiegen. 93 Prozent der erfassten Zahlungsterminals konnten kontaktlose Transaktionen verarbeiten.

Weltweit verläuft die Entwicklung zwar höchst unterschiedlich, aber die Richtung ist klar: Karten, mobile Wallets, Echtzeitüberweisungen und kontobasierte Zahlungen wachsen. In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern überspringen Menschen sogar klassische Bank- und Karteninfrastrukturen und bezahlen direkt mit dem Mobiltelefon. Die Zukunft muss also nicht überall nach Kreditkarte aussehen - aber sie sieht zunehmend digital aus.

Deutschland beobachtet diese Entwicklung aufmerksam, gründlich und aus sicherer Entfernung.

Die Rechnung

Der Kellner gab Herrn Möller zwei Euro Wechselgeld zurück.

"Das Trinkgeld fehlt noch", bemerkte er.

"Das hätte ich gern mit Karte gegeben."

Es entstand jene Stille, in der Kulturen aufeinanderprallen.

Herr Möller zog seine Jacke an und ging. Hinter ihm blinkte das Tablet. Eine automatische Nachricht erschien:

Vielen Dank für Ihren Besuch. Bitte bewerten Sie Ihr digitales Restauranterlebnis.

Herr Möller vergab fünf Sterne für das Essen, vier für den Service und einen für die Expedition zum Geldautomaten.

Als Verbesserungsvorschlag schrieb er:

Vielleicht akzeptieren Sie irgendwann Karte. Nicht überstürzt - Europa macht das schließlich erst seit einigen Jahrzehnten.

Am nächsten Morgen antwortete das Restaurant vollautomatisch:

Vielen Dank für Ihr wertvolles Feedback. Wir nehmen die Digitalisierung sehr ernst.

Und irgendwo in der Kasse raschelte zustimmend ein Zwanzigeuroschein.

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