Es begab sich im Land Nordrhein-Westfalen, wo der Autofahrer morgens nicht zuerst prüft, ob seine Kinder gesund sind, sondern ob Super E10 schon wieder einen neuen Börsenrekord aufgestellt hat.
An einem Donnerstag trat der Minister für amtlich klingende Erklärungen vor die Presse.
"Der Benzinpreis in Nordrhein-Westfalen liegt derzeit rund sieben Cent über dem in Bayern", verkündete er mit jener ernsten Miene, die Politiker gewöhnlich aufsetzen, wenn sie etwas erklären, das sie selbst nur aus einer vorbereiteten Sprechkarte kennen.
Ein Journalist hob die Hand.
"Warum?"
"Niedrigwasser im Rhein."
Damit war die Sache im Grunde geklärt. Jedenfalls für alle, die nicht weiter darüber nachdachten.
Der Rhein hatte zu wenig Wasser. Deshalb konnten die Tankschiffe weniger laden. Deshalb wurde der Transport teurer. Deshalb kostete das Benzin in Nordrhein-Westfalen mehr. Eine wirtschaftliche Naturgesetzlichkeit, ungefähr wie die Schwerkraft - nur dass die Schwerkraft bisher noch keinen Aufschlag von sieben Cent pro Liter verlangt.
Der Minister zeigte auf eine Landkarte.
"Der Rhein verläuft in Deutschland durch beziehungsweise entlang Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen."
"Und wo fahren die Frachtschiffe?", fragte der Journalist.
"Auf dem Rhein."
"Das war nicht meine Frage."
Der Minister räusperte sich. Tatsächlich transportieren Frachtschiffe auf den schiffbaren Rheinabschnitten in allen vier genannten Bundesländern Güter. Der Rhein ist eine der wichtigsten europäischen Wasserstraßen und trägt unter anderem Mineralölprodukte, Chemikalien, Container, Kohle, Erze und andere Waren durchs Land. Ab Rheinfelden ist er für die durchgehende Schifffahrt nutzbar; auf Ober-, Mittel- und Niederrhein gehört Güterverkehr zum Alltag.
Der Journalist sah erneut auf die Karte.
"Der Rhein fließt also auch an Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen vorbei?"
"Das lässt sich geografisch leider nicht länger leugnen."
"Und dort verkehren ebenfalls Güterschiffe?"
"Bedauerlicherweise ja."
"Warum kostet das Benzin dann ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen rund sieben Cent mehr als in Bayern?"
"Bayern liegt nicht am Rhein."
"Das erklärt, warum Bayern nicht vom Rhein abhängig ist. Aber noch nicht, warum jede Preissteigerung in NRW klingt, als habe der Fluss persönlich die Zapfsäulen programmiert."
Im Saal wurde es still.
Draußen schob sich ein halb beladener Tanker langsam stromaufwärts. An Deck stand ein Mitarbeiter der Mineralölwirtschaft und betrachtete den Pegelstand. Bei jedem Zentimeter weniger Wasser drückte er auf einen großen roten Knopf mit der Aufschrift PREIS ANPASSEN.
"Sechs Zentimeter weniger!", rief der Kapitän.
"Sehr bedauerlich", sagte der Mitarbeiter und erhöhte den Preis um zwei Cent.
"Jetzt hat es geregnet!"
"Auch bedauerlich. Das Wasser muss schließlich erst ankommen. Noch ein Cent."
"Der Pegel steigt!"
"Dann müssen wir die Verluste aus der Niedrigwasserphase ausgleichen. Zwei Cent."
"Das Schiff kann wieder mehr laden!"
"Die Umstellung verursacht Kosten. Noch ein Cent."
"Und wann wird das Benzin wieder billiger?"
Der Mitarbeiter blickte verständnislos.
"Billiger?"
Unterdessen tagte in Düsseldorf der Krisenstab für hydrologisch begründete Tankstellenpreise.
An der Wand hing ein Schaubild:
| Lage | Begründung für hohe Preise |
|---|
| Rhein führt zu wenig Wasser | Schiffe können weniger laden |
| Rhein führt normales Wasser | Nachwirkungen des Niedrigwassers |
| Rhein führt viel Wasser | Hochwasser erschwert die Logistik |
| Rhein ist gefroren | Winter |
| Rhein ist nicht gefroren | Ungewöhnlich milder Winter |
| Rohöl wird teurer | Weltmarkt |
| Rohöl wird billiger | Einkaufspreise wirken zeitverzögert |
| Euro wird schwächer | Wechselkurs |
| Euro wird stärker | Leider bereits langfristig eingekauft |
| Ferien beginnen | Hohe Nachfrage |
| Ferien enden | Rückreiseverkehr |
"Das System ist lückenlos", erklärte der Vorsitzende stolz. "Wir können inzwischen jeden Benzinpreis begründen, unabhängig vom Benzinpreis."
Ein Mitarbeiter meldete sich vorsichtig.
"Was machen wir, wenn gleichzeitig der Rheinpegel steigt, der Ölpreis fällt und der Euro stärker wird?"
Der Vorsitzende dachte kurz nach.
"Dann verweisen wir auf geopolitische Unsicherheiten."
"Und wenn die geopolitische Lage ruhig ist?"
"Raffineriewartung."
"Wenn keine Raffinerie gewartet wird?"
"Dann nennen wir es vorsorgliche Marktreaktion."
Alle nickten erleichtert. Die Versorgung mit Begründungen war gesichert.
An einer Tankstelle in Köln stand währenddessen Herr Schmitz vor der Preistafel und führte ein ernstes Gespräch mit seinem Portemonnaie.
"Sieben Cent mehr als in Bayern", murmelte er. "Wegen Niedrigwasser."
Sein Portemonnaie schwieg. Es war zu schwach für eine Stellungnahme.
Herr Schmitz überschlug die Rechnung. Bei 50 Litern waren sieben Cent Unterschied immerhin 3,50 Euro. Nicht genug, um deshalb nach Bayern zu fahren - aber genug, um sich bei jedem Tankvorgang darüber zu ärgern, dass man wieder einmal eine geografische Sonderabgabe entrichtete, die weder auf der Quittung stand noch demokratisch beschlossen worden war.
Er ging zur Kasse.
"Ist das Benzin heute wieder teurer?"
"Der Rhein hat Niedrigwasser", sagte der Kassierer.
"Ich tanke aber nicht im Rhein."
"Das Benzin kam teilweise über den Rhein."
"Und meine Banane kam über den Atlantik. Trotzdem kontrolliert der Supermarkt nicht vor jedem Verkauf den Wellengang bei Madeira."
Der Kassierer zuckte mit den Schultern.
"Ich mache die Preise nicht."
"Wer macht sie denn?"
"Der Markt."
"Kann ich mit dem sprechen?"
"Nein. Der Markt ist nur erreichbar, wenn die Preise sinken sollen. Dann ist er gerade mit internationalen Entwicklungen beschäftigt."
Herr Schmitz bezahlte und trat hinaus. Er betrachtete den Rhein, der sich sichtlich bemüht zeigte, trotz seines Wasserstandes weiterzufließen.
"Du kannst wahrscheinlich gar nichts dafür", sagte er.
Der Rhein plätscherte schuldbewusst.
Schließlich war er nur ein Fluss. Er floss durch vier Bundesländer, trug in allen vier Güterschiffe und hatte über Jahrhunderte Kriege, Hochwasser, Industrialisierung und Ausflugsschiffe mit Schlagermusik ertragen. Doch nun sollte er auch noch die vollständige Verantwortung für die Preisgestaltung nordrhein-westfälischer Tankstellen übernehmen.
Das war selbst für einen Strom seiner Größe zu viel.
Am Abend trat der Minister erneut vor die Presse.
"Wir beobachten die Lage sehr genau."
Das war beruhigend. In Deutschland bedeutet "Wir beobachten die Lage", dass bereits jemand ein Fernglas bestellt hat und nun geprüft wird, welche Behörde für dessen Benutzung zuständig ist.
"Was können die Verbraucher tun?", fragte eine Journalistin.
"Preise vergleichen, sparsam fahren und möglichst zu günstigen Tageszeiten tanken."
"Also soll der Bürger die Folgen einer angespannten Lieferkette dadurch lösen, dass er nachts um 22 Uhr zur Tankstelle fährt?"
"Eigenverantwortung ist ein hohes Gut."
"Und was tut die Politik?"
"Wir appellieren an die Mineralölwirtschaft."
"Mit welchem Ergebnis?"
"Die Mineralölwirtschaft beobachtet die Lage ebenfalls."
Damit war der Kreis geschlossen.
Der Rhein blieb niedrig, der Benzinpreis blieb hoch, die Verantwortlichen blieben besorgt und der Autofahrer blieb der Einzige, bei dem tatsächlich etwas sank: der Kontostand.
Und irgendwo zwischen Basel und Duisburg fuhr ein Frachtschiff mit reduzierter Ladung über den Rhein. Es passierte Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen - also jene Länder, in denen auf dem Strom tatsächlich Güter transportiert werden.
Nur die sieben Cent, die fuhren offenbar ausschließlich nach NRW.
Vermutlich hatten sie dort ihren Hauptwohnsitz.