Timmendorfer Strand erlebt derzeit ein politisch-marines Wunder: Ein Buckelwal hat sich an die Küste verirrt – und mit ihm eine Welle der Solidarität, die so manchen Politiker vor Neid erblassen lässt. Während andernorts mühsam versucht wird, Wahlbeteiligung über Gratis-Bratwürste, Influencer und Pop-up-Wahllokale zu steigern, genügt hier ein einziger Wal, um die Republik zu mobilisieren.
Schon am frühen Morgen des "Sichtungstages" eilten Hunderte Schaulustige herbei, bewaffnet mit Smartphones, Ferngläsern und selbstgebackenen Fischbrötchen, um dem Ozeanriesen beizustehen. Tierärzte, Meeresbiologen und Feuerwehrleute wechselten sich ab wie Koalitionspartner in einer Regierungskrise. Nur der Wal selbst blieb erstaunlich ruhig – vermutlich, weil er ahnte: Noch keine deutsche Rettungsaktion ist je so konsequent scheitertauglich koordiniert worden.
Während Freiwillige eimerweise Wasser über den Riesen schöpften, diskutierte Satiriker bereits über ein neues politisches Konzept: „Mehr Wale, weniger Wahlen.“ Schließlich zeigte dieser Vorfall deutlich, dass die Bevölkerung nur dann wirklich engagiert ist, wenn etwas Großes und Schillerndes auf dem Spiel steht – und nicht bloß das Kreuz bei der „Partei für geregelte Mittelmäßigkeit“.
Ein Lokalpolitiker nutzte die Gelegenheit zu einem Pressetermin am Strand und versprach Unterstützung um „den Wal wieder flottzukriegen – notfalls mit einem Soforthilfeprogramm aus Steuergeldern und warmer Luft“. Andere forderten, man solle das Tier gleich in die Landesverfassung aufnehmen – als Symbol für Durchhaltevermögen, Irrsinn und deutscher Gelassenheit.
Trotz aller Bemühungen bleibt der Wal bisher in Küstennähe. Vielleicht, so munkeln Anwohner, wolle er einfach nur abwarten, bis sich die Aufregung legt – oder bis er erfährt, ob es sich bei der nächsten Bundestagswahl überhaupt noch lohnt, wieder aufzutauchen.
Eines ist jedenfalls sicher: Eine solche Wa(h)lbeteiligung hat die Ostsee noch nie gesehen. Wenn beim nächsten Urnengang auch nur halb so viele Menschen aufspringen wie bei diesem Wal-Drama, droht der Demokratie womöglich das, was dem Buckelwal längst passiert ist – ein akuter Mangel an Untergang.
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Die Brandmauer


